Von der Reise des Bonichores nach Rom vom 10. - 15. Oktober 2008 berichtet Dr. Claudia Scheidt.
Ein gutes Jahr Vorbereitungszeit ist für ein ganz besonderes Ereignis nicht zu lang. Auch nicht für einen so ehrwürdig alten Chor wie den von St. Bonifatius, der bestimmt schon ganz andere Höhepunkte in seiner Historie verzeichnen konnte. Aber der Bonichor ist halt noch dazu ein römisch–katholischer, und so wuchsen Spannung, Erwartung und Vorfreude mal mehr und mal weniger, aber eben doch über diesen langen Zeitraum, bis endlich in einer kalten Oktobernacht am Luisenplatz vor der Kirche der Bus stand und es endlich losging. Monika mit einer weiteren Liste (Listen hatte es schon bisher reichlich gegeben!). jetzt also durchzählen! Alle da! Los ging’s! Der Pfarrer hatte einen schönen und freundlichen Reisesegen mitgegeben, der von Gabriel vorgelesen wurde:121. Psalm (Hebe Deine Augen auf zu den Bergen...), der eine oder andere Sopran oder auch Alt hätte das gerne gesungen, wollte dann aber dann doch nicht stören.
Am Flughafen in Hahn noch eine Liste – Mirjam und Claudia wollten schon wieder Geld, diesmal für die Busfahrkarten in Rom. Über das dunkle und kalte Rollfeld zur Maschine. Abflug. Viele schlafen sofort ein.
Sonnenaufgang. Unter uns liegt die ewige Stadt. Im pastellfarbenen Licht sind Einzelheiten gut zu erkennen, die antiken Stätte zum Beispiel und auch der Vatikan. Unsere römische Reiseführerin begrüßt uns bereits am Flughafen mit dem Plakat unseres Konzertes, das uns ab jetzt an jeder Hausecke , einzeln oder in Gruppen, über- oder nebeneinandergeklebt, begegnet. Toll! Der Chor von St. Bonifatius samt „Direttore“ allgegenwärtig in Rom!
Auf der Busfahrt in unser Quartier der übliche Großstadtmorgenverkehr und erste Regieanweisungen unserer freundlichen und kompetenten Reiseleiterinnen, Frau Schaan und Frau Thomsen. Unsere Unterkunft liegt etwas außerhalb des Stadtkerns, ist ein von Schwestern geführtes, großes, helles und ruhig gelegenes Haus, in dem wir nun zunächst die Koffer abstellen und frühstücken. Nicht zu lange, dann geht’s schon los zur ersten Führung in die Stadt – und schon haben wir viel Spaß – wir „entern“ erstmals alle zusammen einen römischen Bus der Linie 881! Tatsächlich bewahrheitet sich, was Frau Thomsen gesagt hatte: „Wenn ich sage, da gehen Sie alle rein, dann gehen Sie alle rein!“ Stimmt!
Im Zentrum bilden sich zwei Gruppen, die durch das antike Rom wandern, und sich später an der Piazza Navona wiedertreffen. Hier werden wir von nun an immer wieder sein und Eis essen oder auch eine andere besondere Köstlichkeit namens „ Granita de Cafe“, also gefrorener Espresso mit viel Schlagsahne. Wir kehren in die Oasi di San Giuseppe, so heißt unsere Unterkunft, zurück, beziehen unsere Zimmer, packen die Koffer aus und gehen zum Abendessen. Die musikalische Leitung (Gabriel, Manuel und Monika) muss oder darf heute schon mit den Solisten proben und kommt etwas später nach.Danach noch Quatschen in der Hotellobby und der Bar. Dann ist der erste Tag vorbei und alle fallen ins Bett.
Samstag, 11. Oktober
Am frühen Morgen weckt uns zu Sonnenaufgang um 7h30 ein Glockengeläut mit dem „Ave Maria“. Frühstück und Blick auf den verbindlichen Tagesplan am schwarzen Brett – aha! – Führung und nachmittags Probe. Nun also wieder mit mindestens 50 Personen in den Bus hinein! Die heutige Führung zeigt uns den historischen Stadtkern, also Paläste, Straßenzüge, Kirchen und deren Geschichte aus der Zeit der Renaissance und des Barock. Sie dauert etwa 3 Stunden, so sdass bis zur Probe um 15 Uhr noch Zeit bleibt, und so finden wir alle ein Plätzchen zur Mittagspause, zum Beispiel ein Ristorante mit einer bezaubernden Terrasse oberhalb der Spanischen Treppe.
In der Konzertkirche San Paolo entro le mura probt schon das Orchester mit unserem „Direttore“. Unsere Noten haben er und seine „Assistente“ Monika am Morgen mitgenommen, so dass wir sie nicht den Tag über durch Rom schleppen müssen. Danke! Der Chor nimmt Aufstellung auf den sehr kurzen Stufen zum Altarraum und quetscht sich irgendwie zurecht. Platz für die besagten Noten ist eigentlich nicht... macht nix. Wir blicken direkt auf eine Inschrift an der gegenüberliegenden Wand: GLORIA IN EXCELSIS DEO. Falls jemand wirklich den Anfang nicht ganz auswendig können sollte. Das Orchester ist gut, die Solisten hervorragend – der Chor noch nicht ganz. Wohl wegen sehr ungewohnter Akustik, Müdigkeit und Ablenkung durch bereits jetzt sich aufstauende Eindrücke aller Art. Der Chef wirkt, na, sagen wir mal: nervös.
Danach wie immer, Rückkehr mit der Linie 881 ( in der es auch manchmal „zieht“), Abendessen und dann wieder Bier oder Wein oder Cafe in der Bar. Wir haben uns so viel zu erzählen.
Sonntag, 12. Oktober
Glockengeläut: Ave Maria um 7:30 Uhr. Nach dem Frühstück Extraprobe. Intonationsstellen unter erschwerten Bedingungen in der (noch nicht geöffneten) Bar. Danach Messe in der Kapelle der Schwestern, einem hübschen modernen Bauwerk. Eine der älteren Schwestern stellt uns spontan Stühle aus dem Konvent zur Verfügung.Bis zum Mittagessen sind ein paar Stunden Zeit. Zum Ausruhen oder Lesen. Einige von uns waren am Petersplatz, wo eine Heiligsprechung stattfand. Sie alle kamen tief beeindruckt zurück.
Auf unser Konzert in der Boni am 3. Oktober, dem bereits sehr erfolgreichen "Heimspiel", folgte nun das nicht minder erfolgreiche "Auswärtsspiel". Zusammen mit dem bestens präparierten Orchester Nova Amadeus sowie den ausgezeichneten Solisten Cornelia Dupre ( Sopran), Carla Paryla (Alt), Luca Notari (Tenor ) und Roberto Currione (Baß) gelang unter Leitung Gabriel Dessauers in einer besonderen Stunde in der völlig ausverkauften Kirche eine exquisite Aufführung, die das Publikum bereits nach dem Gloria von A.Vivaldi , also einem italienischen und somit bestens vertrauten Werk, zu spontanem, begeisterten Applaus bewegte, der sich nach der höchst gelungenen Haydn-Messe zu wahren Begeisterungsstürmen steigerte. Standing Ovations! Wie nachhaltig und bleibend dieser Eindruck war, zeigte sich am darauffolgenden Abend, an dem während eines Konzertes der Wiener Philharmoniker in der Lateransbasilika, bei dem auch der Heilige Vater zugegen war, den anwesenden Mitgliedern des Bonichores von Umstehenden spontan von einem tags zuvor gehörten, herrlichen Konzert in San Paolo vorgeschwärmt wurde!
Nach dem Konzert haben wir uns in größeren Gruppen in die umliegenden Ristoranti verteilt und schon mal vorgefeiert. Alle zusammen fuhren wir dann von der Piazza Repubblica – nein - nicht mit der Linie 881 – sondern mit einem Reisebus durch das nächtliche Rom. In Papst Benedikts Fenstern war noch Licht. Auf die Anregung, auszusteigen und ihm ein Ständchen zu bringen, entgegnete unser allerjüngstes Mitglied, Clemens, mit dem unvergessenen Kommentar: „Da wird der Papst seine schönen Schuhe aus dem Fenster werfen!“ Das wollten wir nicht riskieren... In der Oasi schließlich erwartete uns ein Empfang mit einer riesigen Torte und und viel Sekt, und so haben wir doch noch alle miteinander dieses grandiose Konzert feiern können.
Montag, 13. Oktober
Fast schon Routine. Aufstehen. Frühstück. Blick auf den Tagesplan, Abmarsch zum Bus um 8:30 Uhr, „Entern“ der Linie 881, heutige Führung zu den großen Basiliken San Giovanni in Laterano und Santa Maria Maggiore sowie Santa Prassede. Im Lateran konnte wir nicht so schrecklich viel sehen, da eine große Dankmesse für die am vorherigen Tag kanonisierte indische Heilige stattfand.
Ab der Mittagszeit haben wir uns dann wieder in kleineren Gruppen aufgemacht und die Stadt durchwandert, schön, dass sich immer wieder neue Konstellationen fanden und man so mit allen mal für längere Zeit ins Gespräch kam und sich näher kennenlernte. Für den Abend war dann wegen des bevorstehenden nächsten Höhepunktes, der Messe im Petersdom, eine Probe in der Kapelle angesetzt. Man kann sagen, dass der Chor in den Proben intonatorisch nicht so gut ist wie bei der jeweiligen Aufführung. Das ist besser als umgekehrt!
Leider Verletzte. Dagmar war schwer gestürzt, im Krankenhaus versorgt, und musste nun Ruhe halten. Gute Besserung. Gabriels vertretener Fuß wurde vom mitreisenden Mannschaftsorthopäden Dr. Stefan Jung bestens versorgt. Ebenfalls gute Besserung.
Dienstag, 14. Oktober
Übliches Morgenritual, Aufbruch zur vorbereitenden Führung durch St. Peter. Unbeschreiblich. Und hier sollten wir am Abend singen!

Rückkehr zum Mittagessen. Und dann mit dem Linienbus wieder zurück. (Der Vorschlag: „ Mit Ehre und Preis“ bekommen wir den Bus nicht leer, aber vielleicht haben wir eine Chance mit „Locus iste...“ wurde nicht ernsthaft in Betracht gezogen).
Die musikalische Mitgestaltung der Abendmesse in der überwältigend schönen und großartigen Apsis von St. Peter war vielleicht der herausragende Höhepunkt einer ohnehin an äußeren und inneren Eindrücken überaus reichen Woche. Die Gratwanderung zwischen persönlicher Ergriffenheit und Konzentration auf die vorwiegend a capella vorgetragenen Werke gelang vorzüglich. Besonders zu würdigen ist hier die Leistung unseres Organisten Manuel Braun, der ohne Scheu, spontan und perfekt in allen Tonarten die Orgel des Petersdoms bediente, was ihm anerkennende Blicke des anwesenden lokalen Kirchenmusikers einbrachte. Nach der Messe sehr herzlicher Applaus für den Chor von St. Bonifatius.
Dass sich die katholische Mädchen-Realschule St Marien aus Xanten, die mit 700 Schülerinnen nebst Lehrerkollegium und Eltern angereist war, ebenfalls, jedoch wohl nicht auf dem vorgeschriebenen Wege, für diese Messe angemeldet hatte und auch musizieren wollte, führte nur zu kurzfristigen Irritationen, die mit Hilfe von Frau Schaan und „Themistocle“ beigelegt werden konnten. Auch die „Xantesen“ haben musiziert, wobei sich die Texte der gesungenen Werke erfreulicherweise bestens zu einer Einheit ergänzten. Und dass sich beim Friedensgruß deren Leiter und unserer herzlich die Hand gaben, gehört zu den besonderen Augenblicken unserer römischen Tage.
Nach der Messe begrüßte uns beim Verlassen des Petersdomes der eben aufgegangene Vollmond und begleitete uns auf unserem nächtlichen Spaziergang durch Rom. Wieder in unterschiedlichen Gruppen haben wir in der noch sommerlich warmen Nacht gut gegessen, viel erzählt und um das Pantheon und die Piazza Navona herum unglaublich viele verschiedene, sensationell gute Eissorten ausprobiert. Und auch noch mal Münzen in die Fontana di Trevi geworfen. Auf dem Rückweg mit dem beinahe letzten Bus haben andere von uns von einem wundervollen Abend in einem kleinen Ristorante berichtet, in dem sie zunächst allerbestens von der sympathischen Wirtin bekocht wurden, dabei mit ihr ins Gespräch kamen und sich schließlich zur Freude aller Anwesenden mit mehrstimmigem Gesang bedankt haben.
Schön, dass „zuhause“ noch viele an der Bar waren, so dass man noch ein bisschen weitererzählen konnte.
Mittwoch, 15. Oktober
Noch früher aufstehen. Letzter Tag. Koffer schließen. Frühstück. Abmarsch um 8:15 Uhr! Generalaudienz auf dem Petersplatz für diejenigen, die sich angemeldet hatten. Die anderen nutzten die Chance, die Vatikanischen Museen zu besuchen.
Bei wieder strahlendem Sonnenschein warteten wir geduldig in der Schlange für den Einlass und die Sicherheitskontrollen und probten schon mal unseren Einsatz. Dass der Bayerische Rundfunk uns und unsere Miniprobe aufgezeichnet hat und (am Mittwoch, den 29.10. um 19 Uhr ) senden will, glauben wir erst, wenn wir es wirklich sehen.
Auf dem Platz hatten wir dann mit Glück Plätze weit vorne. Papst Benedikt erschien, von allem umjubelt, und legte eine Stelle aus dem Brief des Apostels Paulus an die Tessalonicher über das Wesen der Kirche aus. Die Verfasserin hat sich gemerkt, dass wir durch den Glauben zur Liebe kommen sollen. Danach konnte sich der Chor für die namentliche Begrüßung prompt und sekundengenau (vorgegeben und eingehalten: 45 Sekunden!) mit „Ehre und Preis sei Gott dem Herren in der Höhe“ von Johann Sebastian Bach bedanken. Applaus auch vom Heiligen Vater!
Nach der Audienz hat sich das Warten weit vorne an der Absperrung gelohnt (ganz abgesehen von dem munteren Neben- und Durcheinander diverser Marienlieder polnischer Pilgergruppen, die den Papst mit deutschen Schriftzügen begrüßt hatten). Am Ende kam der Heilige Vater dann doch ziemlich nah an uns vorbei! Und ganz am Schluß das große Aufräumen. Wer sieht schon einen Traktor mit Anhänger auf den Stufen des Petersdomes?

Letzter Spaziergang durch Rom. Noch mal Pantheon. Letzte Versuche, die ultimative Eisdiele auszumachen. Letzte Chance, Geschenke für die Lieben zu Hause zu kaufen. Letzte Chance, eines der vielen Plakate zu retten und mitzunehmen. Ein letztes Mal mit der 881 heraus aus der Stadt.
Im Oasi Dank an die tüchtigen und kompetenten Reiseleiterinnen, Frau Schan und Frau Thomsen, die immer zur Verfügung standen und uns durch diese Tage begleitet haben. Letztes Gruppenfoto auf der Treppe.
Mit dem Bus zum Flughafen (Aufregung, aber am Ende sind doch alle mit dem gleichen Flugzeug nach Hause gekommen) und dann waren wir nach Mitternacht wieder an der Boni in Wiesbaden, die vorbestellten Taxen warteten schon, herzlichste Verabschiedung...
Diese Reise war ein kleines Wunder. So viele Menschen (inclusive der Kinder Judith, Leonie, Anton und Clemens), zwar mit einem gemeinsamen Anliegen, aber doch so verschieden, waren für ein paar Tage eine ganz besonders fröhliche und herzliche Gemeinschaft. Und jeder wird Erinnerungen bewahren, die nicht gut oder auch gar nicht in Worte zu fassen sind und die über die hier geschilderten äußeren Ereignisse weit hinausgehen und bleiben werden.
Nachtrag Gabriel Dessauer:
"Die Vorbereitung und Durchführung der Reise oblag vielen Köpfen. Besonderer Dank für unermüdliches Planen, Mitdenken und Im-Auge-Behalten sei hier ausgesprochen an Monika Diehm, Dr. Mirjam Scholten und Dr. Claudia Scheidt!"






