Kirchenmusik in St. Bonifatius Wiesbaden

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Kirchenmusik-Texte

„Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Euer Harfengeklimper ist meinen Ohren lästig!“ (Amos 5/23)

„Ihr grölt zur Harfe und bildet euch ein, ihr könntet noch besser singen als David“ (Amos 6/5)

„Wir haben euch Hochzeitslieder gespielt, aber ihr habt nicht getanzt. Wir haben euch Trauerlieder gespielt, aber ihr habt nicht geweint“ (Matthäus 11/17)

„Ermuntert einander mit Psalmen und Lobliedern, wie sie der Geist euch eingibt. Singt und dankt dem Herrn von ganzen Herzen“ (Eph 5/19)

 

Genaue Vorgaben, welche Art von Kirchenmusik die richtige sei, kann uns die Bibel auch nicht geben. Ein Blick zu anderen Völkern offenbart, daß die Ergebnisse völlig verschieden, je nach den Voraussetzungen der Bewohner ausfallen. Schon daraus folgt, daß Gott nicht nur eine einzige musikalische Stilrichtung bevorzugen kann, sondern die Verschiedenartigkeit aller Menschen berücksichtigt.

Die Meinungen darüber, welche Kirchenmusik in unserem Land die beste für die heutige Zeit sei, gehen auseinander. Das wäre weiter nicht tragisch. Ungünstig erscheint mir nur, daß in kirchenmusikalischen Organen und Gremien kaum darüber diskutiert wird: Unversöhnlich scheinen sich die Lager von Vertretern des neuen geistlichen Liedes und Vertretern der traditionellen Kirchenmusik auf der anderen Seite gegenüberzustehen. Die Einen werfen den "Traditionalisten" elitäre Weltabgewandtheit vor, die Anderen warnen vor dem Substanz- und Niveauverlust des "Sacro-Pop". Kardinal Ratzinger mischt sich schließlich ein mit der Meinung, Rock-Musik habe in der Kirche nichts zu suchen.

Ich will versuchen, in einigen Thesen Wege aus der Sackgasse zu finden, oder zumindestens Anlaß zum Nachdenken zu geben.

 

1. Es muß mehr neue Kirchenmusik komponiert und auch aufgeführt werden.

Die Krise der neuen Musik ist beileibe nicht nur die Krise der Kirchenmusik: Noch nie wurde (im Bereich der E-Musik) so wenig neue Musik aufgeführt. Die Interpreten klassischer Musik sehen sich dem Wunsch der Hörer nach Reproduktion alter Musik (bis einschließlich der Romantik) gegenüber. Die Musikkultur verkommt zu einer musealen Rekonstruktionskunst. Zwischen Komponisten und Rezipienten ist eine Spaltung entstanden: Der Hörer will den Weg des Komponisten nicht mehr nachvollziehen: Moderne Musik wird größtenteils als abstoßend abgelehnt. Um für den Bereich der Kirchenmusik zu sprechen: Meines Erachtens hat eine atonale, oder in Clustern geschriebene Musik für den in der Kirche nach Wärme suchenden Menschen keinen Sinn. Kirchenmusik muß verständlich bleiben. Es gibt durchaus Beispiele guter, moderner und dennoch tonaler Musik, die den Kirchenbesucher nicht abschrecken muß. Doch leider gibt es auch noch "avantgardistische Experimente", die höchstens noch eine intellektuelle Minderheit interessieren können.

 

2. Kirchenmusik muß, welche Stilrichtung auch immer sie hat, eine eigene musikalische Aussagekraft behalten.

Daß ein Antwortpsalm durch die Unterlegung mit Tönen noch nicht zur Kirchenmusik wird, ist inzwischen zum Glück weitestgehend akzeptiert. Auch die Ausgestaltung als vierstimmiger Chorsatz macht ihn noch nicht wesentlich wertvoller. Quartenharmonik und Neo-Polyphonie vergangener Jahrzehnte scheinen mir auch nicht gerade ein Musterbeispiel gelungener liturgischer Musik zu sein. Kein Chor wird auf die Dauer lange bestehen bleiben, wenn ihm lediglich die Aufgabe zugeteilt wird, abwechselnd mit der Gemeinde Verslein und ausgesetzte Choräle zu singen. Auch das Neue Geistliche Lied ist nur sinnvoll, wenn die Melodien nicht allzu billig erscheinen (für die Texte gilt das Gleiche). Vielleicht wird es sich aber auch erst in Jahrzehnten herausstellen, was Bestand hat. Wer hätte gedacht, daß man die Musik der "Beatles" je als "Klassiker" bezeichnen würde?

 

3. Keine Angst vor dem "Rhythmus"!

Das "Neue geistliche Lied" versucht in Ansätzen etwas, was sonst in der Kirchenmusik unserer Zivilisation verpönt war: Es versucht, Rhythmus in die Kirchenmusik zu integrieren. Bisher galt Rhythmus als etwas Irdisches, Körperliches, nicht dem Weihevollen der Kirche entsprechendes. Ich glaube jedoch, daß Rhythmus einen wesentlichen Teil des Menschen ausmacht und als Ausdrucksform der Freude unerläßlich ist. Die Einbindung des Rhythmus muß und sollte dabei nicht einhergehen mit einem Substanzverlust der Musik: Nicht Anbiederung an die U-Musik muß die Folge sein, sondern Suche nach neuen, alle Seiten integrierenden Möglichkeiten.

 

4. Das Geistliche in der Musik

Ich verweise auf den lesenswerten Aufsatz von Hans-Heinrich Eggebrecht (Musica sacra, Heft 2/1996). Zitate daraus:

"In dem großen Bereich der Musiktheorie, das heißt der Erkundung musikalischen Materials und der Lehre des musikalischen Satzes, ist Geistliches nicht dingfest zu machen, nicht faßbar. Und als Gegenstand des Ausdrucks ist es nicht musikabel. Das Geistliche in der Musik gibt es nicht.(...) Musik wird zur geistlichen Musik dort, wo ihr An-und-für-sich durch einen besonderen Akt von außen her auf Gott bezogen wird. Dies betrifft auch die Musik der Gegenwart:

Durch Text, Beischrift, Gebrauch, Transport, Assoziation, Idiom und Zitat kann sie geistliche Musik werden."

So sind Bachsche weltliche Kantaten durch Parodie zu geistlicher Musik geworden. So ist Bruckners 9. Symphonie allein durch ihre Widmung "dem lieben Gott" zur geistlichen Musik geworden. So ist Bachs Toccata allein durch die Assoziation mit der Kirche zur geistlichen Musik geworden und auch die Vivaldischen Violinkonzerte durch ihre Transkription auf die Orgel. Es kann also keine Frage der Musik an sich sein, was zu geistlicher Musik gemacht werden kann. Langsamkeit, Feierlichkeit, Introvertiertheit und Polyphonie sind keine religiösen Werte an sich.

 

5. Verständlichkeit der Texte

Geistlich wird Kirchenmusik durch ihr Texte. Doch die sind oft genug kaum verständlich: Wenn der Chor polyphone Werke singt, ist die Textverständlichkeit für den Zuhörer nahezu ausgeschlossen, wenn der Text dann auch noch lateinisch ist, ist wirklich niemand mehr in der Lage, dem Inhalt zu folgen. Kirchenmusik ist doch keine Musik für eine humanistisch vorgebildete, elitäre Oberschicht.

 

6. Komponisten unserer Zeit müssen durch Auftragswerke der Kirche zu geistlichen Kompositionen ermuntert werden .

Es gibt kaum Kirchenmusik, die rhythmisch und dennoch gehaltvoll ist. Während gehaltvolle introvertierte Musik Eingang findet (z.B. Pärt), gibt es kaum Kirchenmusik, die das freudige Moment betont. Daß der Engländer John Rutter in Amerika der beliebteste Komponist neuer geistlicher Musik ist, zeigt nur, daß er sozusagen die „Marktlücke" gefunden hat: Seine Musiksprache verbindet Rhythmen und erträgliche Harmonien mit gutem Chor- und Instrumentalsatz, der auch in unseren Kirchen neuen Akzente setzen kann. Langsam beginnt seine Musik auch in Deutschland bekannt zu werden. Warum gibt es eigentlich keine deutschsprachigen Komponisten, die eine so extrovertierte Kirchenmusik komponieren? Es muß doch möglich sein, Komponisten dazu zu bringen, einen Chorsatz zu schreiben, der auch von einem kleineren, weniger geschulten Chor aufführbar ist. Denkbar wäre auch, ein Auftragswerk an Philipp Glass, Steve Reich oder Andrew Lloyd Webber zur Komposition einer deutschen Messe zu vergeben.

 

7. Durch eine neue Kirchenmusik könnte das Image des Kirchenchores aufgebessert werden.

Das Image des "Kirchenchores" in der Öffentlichkeit ist denkbar schlecht. Man stellt sich darunter eine Ansammlung älterer Damen vor, die mit großer Hingabe und ebensolchem Dilettantismus emphatisch langweilige Choräle schmettern.

Die Formulierung "der (oder die) singt im Kirchenchor mit" heißt etwa "der ist brav, unbeholfen, unbescholten, der hat nichts anderes im Leben gefunden". Besteht der Chor aus Knaben, freut man sich über die artigen Jungen mit ihren klaren Stimmen. Wenn ein Kirchenchor die Gelegenheit hätte, interessante, weder abstoßende, noch zu simple Musik zu singen, würde das sein Ansehen (und auch das der Kirche) erheblich erhöhen.

 

Zusammenfassung

Der offensichtlich unüberbrückbare Gegensatz zwischen Befürwortern "klassischer" Kirchenmusik einerseits und den Befürwortern des Neuen Geistlichen Liedes andererseits sollte m.E. überwunden werden, um gemeinsam neue Wege aus der Sackgasse der Kirchenmusik für unsere Zeit zu finden: Weder das Beharren auf Gregorianik, Polyphonie oder Orchestermessen einerseits, noch das Betonen einer langweiligen, musikalisch uninteressanten Kirchenmusik, noch das Pochen auf das Neue Geistliche Lied andererseits wird uns weiterführen. Sinnvoll scheint mir ein Gedankenaustausch, bei dem Elemente des Einen in das Andere integriert werden können.

Vielleicht müssen wir dann allerdings unsere festgefahrenen Vorstellungen darüber, was eigentlich "musica sacra" ist, aufgeben. Keiner von uns kann wirklich sagen, welchen musikalischen Geschmack Gott hat.

Gabriel Dessauer (1997)

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Historistisches Orgelspiel

ls nebenamtlicher Kollege oder nebenamtliche Kollegin werden Sie vermutlich zunächst fragen „Was geht mich das an?“. Dabei ist Ihnen sicher schon öfters aufgefallen, daß sich im Orgelliteraturspiel gerade der Barockzeit in den letzten Jahren einiges geändert hat.

Namentlich wenn Sie älter sind als etwa 30 Jahre, dann haben Sie wahrscheinlich das Orgelspiel z.B. der Werke Johann Sebastian Bachs in einer traditionellen Form gelernt: Das Wichtigste ist ein reines Legato, verbunden mit einer klaren Phrasierung und einer deutlichen Artikulation. Ein klares Metrum, das Sie möglicherweise mit dem Metronom zu halten lernten, bestimmte vor allem schnellere Werke. Fugen konnten in den Nebenteilen mit einer anderen, meist leiseren Registrierung gespielt werden, zum Schluß konnten noch weitere Register hinzugezogen werden. Viel Zeit und Mühe haben Sie aufgewendet, um in komplizierten Fingersätzen den Anforderungen einer möglichst linear gedachten Musik gerecht zu werden.

Wenn Sie jedoch heute ein Orgelkonzert hören, vor allem, wenn der Interpret einer jüngeren Generation angehört, dann wird Ihnen folgendes auffallen: Ein Bachsches Präludium und eine Bachsche Fuge werden in einer (kräftigen bis nervenden) Lautstärke von vorne bis hinten ohne Veränderung der Klangfarbe durchgespielt. Dabei pflegt der Organist ein durchgehendes Non-Legato, verläßt oft den Grundrhythmus und läßt kaum eine Phrase erkennen.

Möglicherweise schütteln Sie darüber den Kopf, aber das ist nun mal der heutige Erkenntnisstand zum Thema „Wie hat man im 18. Jahrhundert Bach gespielt“. Unausgesprochen ist damit bereits postuliert, daß, wenn man damals Bach so gespielt hat, er heute auch so gespielt werden müsse. Werktreue, und sei sie auch noch so theoretisch, geht vor Musikausübung. Dem Buchstaben des Gesetzes wird mehr Treue geleistet, als dem Geist der Musik.

Bevor ich zu einer persönlichen Beurteilung dieser historistischen Spielweise komme, möchte ich zunächst die Vor- und Nachteile aus musikalischer Sicht erläutern.

 

1. Legato oder Non-legato

a) Das Legato-Spiel macht die Musik horizontal, also im Zeitablauf spannender, es zieht Linien zusammen, macht sie dadurch spannungsreicher in ihrem Verlauf, kann aber zu einer Aufweichung des Rhythmus führen. Schwerpunkte können nur durch Artikulation hergestellt werden. Die Musik insgesamt wirkt ruhiger, introvertierter, entkörperlicht. Alle Finger (mit Unter- und Übersetzen sowie stummen Wechseln) werden eingesetzt, um dieses Legato zu erreichen

b) Das Non-legato stärkt die vertikale Ebene. Einzelne Noten werden, da sie befreit sind von der Überlappung durch eine vorangehende Note in ihrem Ansatz deutlicher und konturierter. Die Musik insgesamt wird rhythmisch prägnanter, körperlicher, extrovertierter. Weniger das lineare polyphone Geschehen steht im Vordergrund als das kompakte Klangerlebnis. Ausgehend von alten Fingersätzen, die in der Hauptsache die mittleren drei Finger verwenden, entsteht eine Auflockerung des Satzes.

 

2. Metrisch exaktes Spiel oder musikalische Rhetorik.

a) Durch das metrisch exakte Spiel wird der größere Zusammenhang eines Werkes deutlich: Die Aufgliederung in einzelne Phrasen überläßt der Interpret dem Hörer. Das Werk ist eine musikalische Einheit.

b) Durch das rhetorische Spiel können musikalische („pathetische“) Akzente sowie „Interpunktionen“, hervorgehoben werden beispielsweise bei harmonischen Besonderheiten oder zur Gliederung einzelner Abschnitte.

 

3. Registerwechsel oder Beibehaltung der Farben durch das ganze Werk

a) Registerwechsel erlauben es, formale Abschnitte eines Werkes plausibel voneinender abzugrenzen. Musikalische Spannungs- oder Entspannungselemente können durch Registerwechsel bzw. Hinzuziehung anderer Register untermauert werden.

b) Die Beibehaltung einer Farbe durch das ganze Werk bewirkt eine Konzentration auf das Wesentliche: Die Darstellung der Gleichwertigkeit aller Stimmen. Eventuelle Spannungsverläufe werden in der Musik selbst hörbar.

Ich selbst habe Bach in der Tradition der Leipziger Schule erlernt. Später lernte ich viele andere Spielweisen kennen und habe mich mit ihnen auseinandergesetzt. Ich war z.B. fasziniert, als ich eine Aufnahme der großen g-moll Fuge von Bach hörte, deren Thema Pierre Cochereau von vorne bis hinten legato spielte. Nicht einmal den ersten Ton (den Auftakt) setzte er ab. Das Stück erhielt einen völlig neuen „Drive“, dem man sich nur schwerlich entziehen konnte. Mein damaliger Lehrer, Elmar Schloter, war entsetzt, als ich ihm das Werk so vorspielte. Später sagte er: „Dessauer, bei mir spielen Sie das Werk so (=Auftakt abgesetzt), was Sie zu Hause machen ist mir wurscht“.

Später hörte ich Ludger Lohmann die Passacaglia von Bach spielen: Im Organo pleno von vorne bis hinten und völlig non legato, nicht einmal das Thema wurde irgendwie gebunden. Ich war wütend, wie man ein solches Stück so entstellen konnte und genervt von der ewigen Lautstärke.

Doch irgendwann wurde ich selbst vom Virus „historistische Interpretation“ infiziert (ich gebrauche lieber diesen Terminus, denn „historisch“ wäre unkorrekt: Wir glauben, das sei historische Interpretation, wissen tun wir es nicht). Ich fing auch an, Linien zu zerschneiden, um die rhythmische Prägnanz zu erhöhen, spielte schnelle Notenwerte grundsätzlich im leggiero oder im „ordentlichen Fortgehen“. Es machte mir Spaß, Bach aufzulockern. Ich spielte die Achtelbewegung im Pedal des Chorals „Nun komm der Heiden Heiland“ (BWV 659) nicht gebunden, was Frau Marlene Kempin, meine damalige Kollegin und Frau meines Vorgängers Peter Kempin als Kantor an St. Bonifatius, die inzwischen verstorben ist, zu der Bemerkung veranlaßte „das wird sich wieder legen“. Damals ärgerte mich diese Bemerkung. Aber sie hat recht behalten: Heute spiele ich es wieder legato: Es ist einfach schöner.

„Früher haben wir Bach schön gespielt, heute spielen wir ihn richtig“. Dieser Satz stammt von Karl Straube, der ihn in den Dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts aussprach. Er ist bezeichnend für die Kurzsichtigkeit aller Interpreten und Musikwissenschaftler ihrer Zeit. Denn was Straube als „richtig“ empfand, bewerten wir für uns heute als völlig unakzeptabel. Aber wer sagt denn, daß die Bach-Interpretation, wie sie heute als angeblich richtig dargestellt wird, den historischen Gegebenheiten tatsächlich näher kommt? Wir kennen zwar mehr Schriften, doch zieht jeder Interpret seine eigenen Schlüsse daraus, was die doch sehr voneinander divergierenden Interpretationen beweisen. Und außerdem lebte Straube immerhin drei Generationen näher an Bach und wir entfernen uns mit jedem Jahr mehr von Bach. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Spekulation sind gerade auf dem Gebiet der Musikinterpretation fließend.

Die entscheidende Frage hat noch niemand beantwortet: Warum müssen wir eigentlich Musik so spielen, wie sie angeblich zur Entstehungszeit geklungen hat? Damit präjudizieren wir, daß es damals der Idealzustand war. Doch wer sagt denn, daß Bach nicht vielleicht gerne eine andere Orgel gehabt hätte oder mehr Chorsänger? Auch damals war man praktischen Zwängen unterworfen. Wissenschaftliche Forschungen können nicht das vernünftige Denken ersetzen. Aber noch niemand hat gefordert, Orgeln wieder ohne Motoren, sondern mit von Kalkanten in Gang gesetzten Blasebälgen zu betreiben, das wäre dann mit Sicherheit eine historisch korrekte Interpretation, mit allerdings beachtlichen klanglichen Veränderungen durch die Ungleichmäßigkeit der „manuellen“ Windzufuhr.

Bach war für alle Ideen seiner Zeit offen. Es muß erlaubt sein, die Frage zu stellen, was Bach zu unseren heutigen Orgeln und vor allem zu den modernen Spielhilfen gesagt hätte. Vielleicht wäre er angesichts der Möglichkeiten eines Schwellwerkes oder von Setzerkombinationen begeistert gewesen von den ungeahnten Veränderungsmöglichkeiten des Klanges innerhalb eines Stückes.

Die neuen „alten“ Spielweisen haben Vor- und Nachteile, die man prüfen sollte. Ich bin der Meinung, man sollte sich durchaus mit den Forschungsergebnissen beschäftigen, die Spielweisen kennen und sie auch ausprobiert haben. Ein Ergebnis sollten sie jedoch nicht vorwegnehmen, das bleibt immer Sache des Interpreten selbst. Ohnehin ist die Interpretation eines Werkes auch immer nur im Kontext zu allen anderen Gegebenheiten im Umfeld der Aufführung zu sehen: Nicht nur Raum bzw. Akustik und zur Verfügung stehendes Instrument sind hier zu sehen: Glücklicherweise ist der Interpret selbst Änderungen unterworfen: Mit 20 Jahren spielt und empfindet man Bach sicherlich anders als mit 50 Jahren. Der eigene Herzschlag spielt eine Rolle genauso wie der eigene Charakter und die gerade vorherrschende Verfassung.

Es gibt in der Musikausübung keine absolute Wahrheit, kein zeitloses „richtig“ oder „falsch“. Alle Antworten (=Interpretationen) sind nur im Kontext mit ihrer Aufführung als gut und schlecht zu beurteilen und daher vielfältig. Es kann daher nicht heißen: Bach muß heute so und so gespielt werden. Jeder Interpret muß eine eigene, seinem Charakter entsprechende Interpretation suchen. Und auch die wird nur dann Gültigkeit haben, wenn man in der Lage ist, sie wieder und wieder in Frage zu stellen. Interpretation von Musik ist ein Prozeß und kein Gesetz.

Ich bin der Auffassung, daß das Zusammenwachsen der Welt, auch der musikalischen, zumindestens in Deutschland traurigerweise zu einem neuen Gruppenzwang geführt hat: Allgemein scheint sich die historistische Betrachtungs- und Spielweise an den Hochschulen durchzusetzen. Dort wird sie als „allein selig machend“ gelehrt und nicht nur als eine der möglichen Sichtweisen. Persönliche, davon abweichende Interpretationen findet man heute nur noch selten. Wenige Organisten setzen sich kritisch mit davon abweichenden Spielweisen auseinander. In den USA konnte ich Bach in einer Art hören, die hierzulande Kopfschütteln hervorrufen würde, mich jedoch mehr fesselte, als ein Großteil dessen, was ich in Deutschland an Interpretationen zu hören bekomme.

Daß die „sklavische“ Befolgung historischer Aufführungsregeln auch zu konträren Ergebnissen führen kann, mußte ich bei einem Orgelkonzert vor einigen Jahren in den USA erleben: Ein bekannter nordeuopäischer Organist spielte innerhalb der Jahrestagung der Amerikanischen Organistenvereinigung ein Konzert mit Werken von Bach und Mozart: Angesichts der überaus trockenen „Wohnzimmerakustik“ der meisten amerikanischen Kirchen wirkte hier das Non-legato eher löchrig und linienzerstörend. Das Konzert wurde von den anwesenden Zuhörern überwiegend negativ beurteilt.

Virgil Fox (1913 - 1982), „enfant terrible“ der amerikanischen Organisten führte in den Siebziger-Jahren unseres Jahrhunderts Konzerte mit Bachschen Orgelwerken auf in Hallen, die sonst für Rockkonzerte genutzt wurden, vor Tausenden von Zuhörern. Er spielte auf einer elektronischen Orgel mit fulminanter Technik und spielerischer Phantasie alle Möglichkeiten einer Orgel des 20. Jahrhunderts aus: Mitten in einer Triosonate konnte es vorkommen, daß der Klang (mittels Schweller) bis zum Pianissimo verschwand, um sich nachher wieder kräftig aufzubauen. Sämtlichen Musikwissenschaftlern würden die Haare zu Berge stehen, die Zuhörer waren begeistert.

Ich denke, daß auf die Dauer nur eine Interpretation überzeugen kann, die wirklich dem eigenen Herzen entspringt und nicht ausschließlich die Anforderungen einer Wissenschaft erfüllt. Eine „richtige“ Interpretation ersetzt noch keine Musik. Das Wissen um die Tatsache, daß man eine Interpretation hört, die möglicherweise historisch korrekt ist, ersetzt noch keine musikalische Aussage.

Wahrscheinlich ist es leichter, ein Orgelwerk als „Handwerker“ zu spielen, der alle Vorschriften befolgt. Wenn jedoch keine eigene Persönlichkeit die Musik auch zum Klingen bringt, dann wird auch kein musikalisches Erlebnis zustandekommen können. Mir scheinen im Moment die „Handwerker“ eine Mehrheit darzustellen. Ein Indiz dafür ist, daß die Orgelkonzerte berühmter historisch korrekt spielender Musikwissenschaftler auch nicht besser besucht sind, als normale Orgelkonzerte: Dem Zuhörer liegt mit Sicherheit mehr an einer musikalischen, emotionalen Aussage als an einer korrekten Interpretation.

Aber die Entwicklung zu einer originellen, unabhängigen Persönlichkeit wird nicht gefördert. Zu stark ist der Gruppenzwang, z.B. bei Wettbewerben. Das Ergebnis ist, daß es in der jungen Generation deutscher Organisten kaum eine Persönlichkeit gibt, die auch international Ansehen genießt. Es besteht da ein Teufelskreislauf, der psychologisch erklärbar ist: Wer als Person unsicher ist, beruft sich gerne auf Andere, die dann als Autoritäten dargestellt werden. Zum Einen ändert dies nichts an der eigenen Unsicherheit, die sich auch nach außen überträgt, zum anderen gibt man diese Unsicherheit an die nächste Generation weiter, indem man diese Autoritäten als unbedingt zu befolgende, als Wahrheiten darstellt. Historismus, auf welchem Gebiet auch immer, ist häufig Folge und Ausdruck der Ratlosigkeit einer ganzen Generation, das jeweilige Fachgebiet betreffend.

Vielleicht ist dies auch eine Frage des Charakters: Es ist allemal leichter und entspricht dem „Weg des geringeren Widerstands“, sich der Meinung einer Mehrheit anzupassen und barocke Musik im gängigen Stil wiederzugeben. Es würde Mut und Zivilcourage erfordern, eine andere Meinung öffentlich zu vertreten (was Deutschen bekanntlich auch im politischen Leben schon öfters besonders schwer fiel: Und auch heute ist hierzulande Obrigkeitsdenken weit verbreitet. Aber das ist ein anderes Thema). „Wer immer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterläßt keine eigenen Spuren“.

Die große historisierende Welle im Orgelbau, die Orgelbewegung, haben wir - Gott sei Dank - überstanden, wenn auch unter großen Verlusten an Orgelsubstanz. Im Moment befinden wir uns in der historisierenden Welle der Orgelinterpretation, und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Orgelunterricht an Musikhochschulen und Universitäten ist schwieriger geworden. Ein Orgellehrer hat m.E. heute eine andere Aufgabe zu erfüllen als früher. Der Orgelunterricht, bei dem der Lehrer neben dem Schüler steht und mit Bleistift Phrasierungen oder sonstige Hinweise in die Noten schreibt, sollte - zumindestens in der Ausbildung hauptberuflicher Organisten - der Vergangenheit angehören. Ein Orgellehrer muß informiert sein über die verschiedenen Möglichkeiten, wie ein Werk gespielt werden kann, sollte den Schüler über den Wissensstand bezüglich der historischen Spielweisen informieren und ihn darüberhinaus ermuntern, zu einer eigenen Interpretation zu gelangen. Ziel ist die Entwicklung einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit, die zu einer eigenen Interpretation, die musikalisch stimmig ist, gelangt.

Gabriel Dessauer, 1999

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Ist die Orgel als Musikinstrument der Kirche noch zu retten?

Deutschland im Jahr 2048. Musikunterricht in der Schule. Die 7-jährigen Kinder öffnen in der Schulklasse auf ihrem Laptop die Seite „Kirche“. Die Lehrerin erzählt zu den den Kindern fremdartigen Bildern, daß sich in früheren Jahrhunderten viele Menschen in den Kirchen getroffen hätten nur um zu beten, singen und Gottesdienst zu feiern.

Begleitet wurde der Gesang durch die Orgel, einst die „Königin der Instrumente“, heute nur noch in Museen zu hören: Die Lehrerin fährt fort:

„Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nahm der Kirchenbesuch so stark ab, daß immer häufiger Gottesdienste ausfielen, die Kirchen umgewandelt wurden zu Begegnungsstätten und die ausgebildeten Kirchenmusiker umschulen mußten zu Sozialhelfern oder Musiktherapeuten. Die Orgel hatte als Begleitinstrument für den Volksgesang ausgedient, da kein Volk mehr zum Begleiten da war. Als Musikinstrument war sie immer in Verbindung mit Kirche gesehen worden, hatte nie eine eigene Rolle im Musikleben gespielt und nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts rächte es sich, daß die Organisten nur von ihren historischen Schätzen gelebt hatten. Sie hatten in der Hauptsache Musik der Barockzeit, oder auch der Romantik gespielt und dies wollten die Menschen nun nicht mehr hören: Galt der Rückgriff auf alte musikalische Schätze in der Zeit der atonalen Musik als intellektuell und schick, so stellte sich in der Zeit der Wiedergeburt der neuen Musik, die auf der „New Age-Musik“, der rhythmischen Musik und den sogenannten „Taizé-Gesängen“ des späten 20. Jahrhunderts aufbaute, heraus, daß die Orgelmusik den Anschluß verloren hatte. Es gab keine Komponisten, die Interesse gehabt hätten, für dieses Instrument, das seine eigentliche Bedeutung verspielt hatte, zu komponieren.

 Ursächlich dafür war auch, daß, parallel zum nachlassenden Kirchenbesuch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch Orgelkonzerte immer schlechter besucht waren. Oft verloren sich 10 bis 20 Zuhörer im Schiff einer weiten Kirche, und die zumeist nur deswegen, weil sie entweder sich als Chormitglieder zum Besuch des Orgelkonzertes verpflichtet fühlten, sich ohnehin des ganzen Tag am liebsten in der Kirche aufhielten, oder Bekannte des Interpreten waren. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten weltberühmte Orgelvirtuosen Kirchen und Konzertsäle gefüllt, unvergessen sind die Namen Best, Bruckner, Lemare, Dupré, Fox, Walcha und Richter. In späterer Zeit erlangte jedoch kein Organist mehr die Berühmtheit dieser Namen. Orgelkonzerte in Konzertsälen gab es schon lange vorher nicht mehr“.

Ist das die Zukunft der Orgelmusik? Schon heute hat die Orgel in der Bevölkerung das Image der Feierlich-majestätisch gepflegten Langeweile. Kaum ein Orgelkonzert heutzutage kann als ein „Ereignis“ bezeichnet werden, dem „man“ beiwohnen sollte.

Auch die Tatsache, daß wir heute vermeintlich über Aufführungspraxis alter Musik besser Bescheid wissen als früher, hat daran wenig geändert. Wen interessiert's? Haben Ton Koopman und Harald Vogel deswegen mehr Zuhörer in ihren Orgelkonzerten? Wer Musik hören will, möchte Musik hören, die mehr als nur Wissen vermittelt und das scheint Interpreten heute schwerer zu fallen als noch vor Jahrzehnten.

Orgelkonzerte hierzulande sind meistens nach dem gleichen Schema aufgebaut: Zu Beginn ein vorbarockes Werk, dann ein Bach, später ein Romantiker, zum Schluß ein Reißer. Hochschulabsolventen mischen für gewöhnlich noch einen Messiaen ins Programm.

Aber ist Messiaen, wahrlich einer der wenigen echten Neuerer in der Orgelmusik, wirklich der einzige Prophet? Welche Orgelmusik, die noch die Herzen eines nicht musikalisch vorgebildeten Hörers ergreifen könnte, entstand in der zweiten Hälfte unserer Jahrhunderts?

Die Interpreten haben Angst vor neuer Musik, weil sie meistens schräg klingt und auch den Interpreten kaum mitzureißen imstande ist. Die Zuhörer haben Angst vor neuer Musik, weil sie meistens abstoßend ist, die Komponisten schließlich schreiben Avantgardistisches und halten Organisten und Zuhörer für nicht aufgeschlossen, weil kaum jemand diese Musik mag.

Es gibt Beispiele gut hörbarer, moderner Musik, aber sie sind selten. Wir sollten als Organisten aus unserem Vogel-Strauss-Versteck der alten Musik hochkommen und neue Musik suchen, die der Orgel den ihr zukommenden Rang im Musikleben und insbesondere ihre Bedeutung als das Instrument der Kirche für die Zukunft schlechthin zu erhalten. Sonst wird die o.a. Vision Wirklichkeit.

 

Einige wegweisende Werke

Unter der großen Zahl neuerer Orgelwerke möchte ich nachfolgend einige Empfehlungen geben. Die Zusammenstellung ist willkürlich und stellt nur einen minimalen Prozentsatz der tatsächlich erhältlichen neueren Orgelmusik dar. Dazu ist sie subjektiv und tendenziös und erwähnt von den angegebenen Komponisten nicht einmal alle relevanten Werke:

Bolcom (USA) Gospel-Preludes
Bovet (CH) Hamburger Präludien
Bräutigam (D) Choralvorspiele
Eben

Sonntagsmusik, Laudes, Job, Faust und viele kleine, allesamt höchst empfehlenswerte Werke

Francaix (F) Suite carmelite
Glass (USA) Tänze
Gorecki (PL) evtl. Ave Maria
Gubaidulina (RUS) Hell und Dunkel
Höller (D) Ciacona, Choral-Passacaglia, Triptychon
Hulse (USA) Dies irae
Kropfreiter (A) Diverses
Leighton (GB) Diverses
Litaize (F) Prelude et danse fugée
Linke (D) Organ Pops
Martinson (MEX) Miriams Dance
Medek(D) Diverses
Michel-Ostertun (D) Charakterstücke
Ohse (D) Totentanz
Pärt Trivium, Mein Weg, Pari intervallo
Planyavski (A) Toccata alla Rumba
Pott (GB) Christus (2 ½ stündiges Orgel-Oratorium!)
Scelsi (I) In nomine lucis
Stamm (D) Suiten
Wegmann(D) Ostertanz
Welmers (NL) Laudate dominum, u.a.

Gabriel Dessauer, 1997

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Was ist "musica sacra"?
Gibt es "Heilige Musik"?

Vor kurzem wurde in München vom zuständigen Kirchenmusikdirektor Beyerle ein Orgelkonzert verboten, in dem der Organist unter anderem den „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakoff und die „Moldau“ von Smetana sowie Ausschnitte aus der 9. Symphonie von Dvorak aufs Programm gesetzt hatte. Die Begründung für das Verbot war ebenso einleuchtend wie verständlich: „Wenn die Menschen bei einem solchen Konzert nichts von der christlichen Botschaft hören und erfahren können, ist das Unternehmen fragwürdig. Wer mit Musik Menschen in die Kirche holen will, der muss auch klarmachen, warum sie zu einem solchen Konzert in den Kirchenraum und nicht etwa in den Konzertsaal gehen.“ Beyerle verwies zudem auf seine grundsätzliche Offenheit auch sogenannter „weltlicher“ Musik im Kirchenraum gegenüber, wenn sie mit Sinn und Verstand in ein geistliches Verkündigungskonzept eingebunden würden.

Die Kompromissbereitschaft von Herrn Beyerle ist durchaus berechtigt, bewegen wir uns doch bei der Frage nach der Definition von „musica sacra“ sehr im Ungefähren, wenn nicht Subjektivem. Die Abgrenzung zwischen geistlicher und weltlicher Musik ist mit Sicherheit höchst unterschiedlich, manchmal unreflektiert, wenn nicht Ergebnis persönlicher Vorlieben. Ob das Ergebnis der Musik in uns emotionale und spirituelle Sphären anspricht. Entsteht nur im Einzelnen selbst.

Zunächst entzieht sich Musik einer Einordnung in „heilig“ oder „nicht heilig“, es sei denn wir erkennen jegliche Musik und die Regelmäßigkeit eines bzw. mehrerer Töne als göttlichen Ursprunges an. Aber im übrigen ist Musik in Gegensatzpaare einzuordnen: Sie ist laut oder leise, schnell oder langsam, einstimmig oder mehrstimmig, polyphon oder homophon, hoch oder tief, konsonant oder dissonant, rhythmisch oder melodisch geprägt. Was wir allgemein als für den Kirchenraum geeignet empfinden ist eher das Ergebnis jahrhundertelanger Konventionen als Ergebnis der Musik an sich. Selbst Stimmungen wie „freudig – traurig“ oder „introvertiert – extrovertiert“ werden gänzlich verschieden empfunden.

1. Die Orgel als Musikinstrument der Kirche. Bis zum 9. Jahrhundert galt die Orgel als ausgesprochen unkirchlich, als absolut weltliches Instrument. Durch die ihre spezielle Fähigkeit, Töne lang auszuhalten und somit einen Gesang gut zu stützen, hat man sie als für die Kirche geeignetes Instrument entdeckt. Aber: Worin unterscheidet sich ein Bachsches Orgelpräludium von einem Präludium aus dem „Wohltemperierten Clavier“? Sind die Concerti nach Vivaldi etwa keine für die Kirche geeignete Musik mehr, nur weil sie ursprünglich für Violine und Orchester geschrieben waren? Wahrscheinlich ist Bach jedoch über alle Zweifel erhaben, weil er so viel Kirchenmusik geschrieben hat. Dass er einen Großteil seines Lebens weltlichen Fürsten gedient hat, scheint hier nicht von Belang zu sein.

2. Durch Textierung wird Musik zur Kirchenmusik: Dies ist korrekt. Aber in vielen Fällen musste sich der Kompositionsstil deswegen nicht ändern. Bach hat seine Texte im Parodieverfahren bei gleicher Verwendung umgewandelt in weltliche Musik. So wurde aus der Geburtstagskantate für die Kurfürstin von Sachsen „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ ein Jahr später der Eingangschor des Weihnachtsoratoriums „Jauchzet, frohlocket“, ohne dass Bach etwas an der Grundsubstanz des Werkes ändern musste. Auch im Lied lässt sich eine Mehrfachverwendung feststellen. Die berühmteste davon ist das Lied „Innsbruck, ich muss dich lassen“, das wir heute selbst im Gotteslob als „O heil'ge Seelenspeise“ wiederfinden. In den USA ist ein Lied auf die Melodie „Freude, schöner Götterfunken“ zu Recht eines der meistgesungenen Kirchenlieder. Selbst in neuester Zeit sind Beispiele festzustellen: Die von Horst Christill komponierte Melodie von „Lamm Gottes, für uns gegeben“ erinnert (unbeabsichtigt) stark an die Titelmelodie des Italo-Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“. Auch gibt einige Beatles-Melodien, die dank ihrer musikalischen Qualität so sehr in die Allgemeinheit übergegangen sind, dass sie mühelos als gute Kirchenlieder zu verwenden wären. Stellen Sie sich vor: „Yesterday, all my troubles seemed so far away“ als: „ Gloria, in excelsis deo”, oder, falls Ihnen das nicht freudig genug erscheint: “Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen”? Es gibt so viele schwache, unsangliche Melodien im Gotteslob, meist aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, die ließen sich mühelos ersetzen, und niemand würde ernsthaft behaupten, dass damit ein Stücke „musica sacra“ verloren ginge.

Wir erwarten in der Kirche Kirchenmusik und im Konzertsaal Konzertmusik. Doch kann die religiöse Sphäre in beiden Räumen angesprochen werden. Die „Unvollendete“ von Schubert ist von ihrem Charakter her Brucknerschen Messen näher als den frühen Messen des gleichen Komponisten. Sie vermag wohl sehr viel eher „religiöse Stimmungen“ hervorzurufen, als die teilweise unbeschwert fröhlichen Auftragswerke, mit denen Schubert sich ein Auskommen verdiente.

Ist rhythmisch betonte Musik Kirchenmusik? Durchaus nachzuvollziehen ist die Vermutung, dass weniger rhythmisch geprägte Musik, also eine horizontal fließende Musik von Vielen mehr als Kirchenmusik empfunden wird, als eine erdverbundene, vertikal stampfende Musik, die das Irdische betont. Ihre höchste Ausformung findet diese Musik in der Gregorianik, später vielleicht noch in den Messen Palestrinas. Die Barock und Klassik setzte dem eine diesseitige Fröhlichkeit entgegen, die man spätestens nach dem Vaticanum II wieder aus den Kirchen vertreiben wollte, in dem man die klassische Orchestermesse als der gewünschten Beteiligung des Volkes widersprechende zu verwerfen versuchte. So kam Kirchenmusik schnell in den Verruf des Elitären und wurde zur Aussenseiterkunst, bzw. zur intellektuellen Kunstform. Dem wiederum versuchte man die „Neuen Geistlichen Lieder“ entgegenzusetzen, eine Gebrauchsmusik, die bewusst nicht anspruchsvoll, aber sich dem Zeitgeist anbiedernd, Jugendliche in die Kirche zurückholen sollte. Doch die heutige Jugend ist nicht anspruchsloser als die Jugend vergangener Jahrhunderte. Sie erkennt sehr schnell, was Qualität ist (die es in diesem Bereich sehr wohl auch gab), und was nur peinliche Anmache.

Rhythmische oder schnelle Musik ist irdische Musik, langsame, feierliche Musik ist religiöse Musik. Dass diese Charakterisierung zu kurz greift, ist noch nicht überall akzeptiert. Doch spricht daraus die Angst der Kirche vor dem Körperlichen, dem vermeintlich Ungeistigen, dem man mit der Würde der Langsamkeit und der Majestät des Festlich- Langweiligen einen Gegenpol zu setzen habe. Kirchenmusik wird folgerichtig in unseren Breiten oft auch nur als Musik gepflegter Langeweile ausgeführt und empfunden. Hinzu kommt gelegntlich der Überheblichkeit des Intellektuellen, wenn die hohe Kunst der Polyphonie allein schon ob ihrer schweren Fassbarkeit als Ausdruck göttlicher Eingebung bezeichnet wird.

Sehr häufig sind von der Kirche beauftragte Werke auch nur Eintagsfliegen – sie haben im künstlerischen keinen Bestand und würden im rein kommerziellen Konzertbetrieb nicht bestehen. So fördert die Kirche bisweilen nur mittelmäßige Werke möglicherweise aus Angst vor einer Säkularisierung des Kirchenraumes.

Kürzlich erhielt ich den Auftrag zur Rezension dreier sehr obskurer CD's. Sie haben den Titel „Babys Einschlafmusik“, „entspannt in den Kindergartenmorgen“ und „Angstfrei Klassenarbeiten schreiben“. Während die letzte CD auch Texte eines Psychologen enthält „setze Dich bequem in eine Ecke, wo dich niemand stören kann“, bestehen die ersten beiden CDs aus Musik, die am Computer erstellt worden war, simpelsten Grundmustern entsprang und Klänge, die wohl betören sollen, hervorbrachte. Der Versuch einer Charakterisierung dieser Töne fällt schwer, eine Einordnung wäre etwa zwischen „New Age“, Gregorianik und oberbayrischem Andachtsjodler denkbar. Mir wurde zunächst schlicht übel und ich bekam eine Wut auf die „Macher“, wie man Musik so „entweihen“ bzw. missbrauchen konnte. Selbst unsere Kinder zeigten sich königlich amüsiert und rutschten bei der Aufforderung zum bequemen Hinsetzen grinsend von den Stühlen.

Doch bald fiel mir auf, dass wir es in der Kirche eigentlich nicht viel anders machen. Auch wir instrumentalisieren Musik. Wir legen ihr eine Absicht zugrunde, die ihr gar nicht eigen ist. Symphonien von Anton Bruckner werden für die Kirche kompatibel, da Bruckner seine 9. Symphonie dem lieben Gott widmete. Vielleicht hätte Dvorak, der wahrscheinlich mehr Kirchenmusikwerke als Bruckner geschrieben hat, dies mit seiner 9. Symphonie auch tun sollen. Dann wäre die Aufführung in der Kirche möglich. Der Münchener Organist hätte seinem Konzert einen Obertitel geben sollen: „Die Schöpfung preist Gott“. Ist nicht auch eine Hummel ein Geschöpf Gottes, ebenso wie der majestätische Lauf der Moldau Gottes Werk?

Ich kenne einen Kollegen, der Titel von Orgelwerken gerne ändert, um diese Werke so für den Kirchenraum brauchbar zu machen. Ich halte dies für legitim. Für mich ist es eine der traurigsten Tatsachen, dass Richard Strauss Atheist war. Denn das letzte seiner „vier letzten Lieder“ gehört für mich zum schönsten und tiefsten, was je in der Musik geschaffen worden ist, und hätte in der Kirchenmusik einen festen Platz. Dies Lied allein könnte Ausdruck tiefsten Glaubens sein.

Aber es ist ein Beispiel dafür, dass Musik sich nicht einengen lässt, sich nicht auf eine Bedeutung instrumentalisieren lassen möchte. Auch Atheisten können Bachs h-moll Messe als das empfinden, als das es gemeint ist, die wenigsten ohnehin verstehen den Text. Wir können eine Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik machen, wobei eingängige, rhythmische und beliebte Musik nicht zwangsläufig schlecht und schwere, freudlose und unbekannte Musik nicht unbedingt gut sein muss. Wir können Qualität und Aussage erkennen und empfinden. Doch wird die Empfindung immer subjektiv sein. Wir können und sollen uns freuen am Geschenk der Musik, und wenn sie schön ist und unser Herz berühren und erheben kann, dann ist es von sich aus eine „musica sacra“.

Gabriel Dessauer, 2001

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Was fehlt, ist die Begeisterung

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist nicht gerade der Ort, an dem man sich eine spannende Diskussion über den Wert und Unwert von Kirchenmusik erwartet. Eher würde man das in „musica sacra“ erhoffen, doch die hat sich zunehmend zur „Prawda“ der katholischen Kirchenmusik entwickelt, die einem ewig lächelnden Zweckoptimismus frönt.

Eine Bemerkung des Organisten und Musikwissenschaftlers Michael Gassmann im Feuilleton der FAZ hat im November 2001 die Gemüter erregt und die Diskussion in Gang gebracht: In Deutschland hechelt man seit dreißig Jahren mit dem „Neuen Geistlichen Lied“ den Moden der U-Musik hinterher. Das Problematische daran ist nicht die Orientierung an der U-Musik, sondern das Hinterherhecheln (…). Das Geschrummel, das landauf, landab aufgeschlossenen Gemeinden geboten wird, ist in seiner Sentimentalität hoffnungslos „out of date“.

Unter der Überschrift: „Gregorianischer Choral oder neues Lied: Die Lage der Kirchenmusik ist ernster als die Realisten glauben“ legt Gassmann im Dezember 2003 nach, in dem er die „Aufspaltung der Gemeinde in die verschiedensten Interessengruppen“ beklagt: In vielen Gemeinden ist die Liturgie mehr auf Senioren, junge Paare, Alleinstehende oder Jugendliche als auf Christus hin ausgerichtet. Seelsorgerische Erwägungen überlagern liturgische. Die Folgen für den Gottesdienst sind gravierend: War früher das Gemeindelied, dessen Melodie von Generation zu Generation tradiert wurde, ein die Gemeinde einigendes Band, so ist dieses Band inzwischen allenthalben zerschnitten: Die Älteren singen Traditionelles, die Jugendlichen „Neue geistliche Lieder“, Gebildete schätzen den lateinischen Choral: Mit dem Sterben der Älteren stirbt ein Repertoire, aber ein neues bildet sich nicht mehr heraus.

Wenige Wochen später erwidert Stefan Klöckner (Herausgeber der „musica sacra“) sinngemäß, dass alles doch gar nicht so schlimm sei und bescheinigt dem „Gotteslob“ einen „besseren Erfolg, als manche wahrhaben wollen“. Es habe sich „im großen und ganzen bewährt“, und auch in den siebziger Jahren entstandene Gesänge würden angenommen.

Meinerseits kann ich hier nur betrübt den Kopf schütteln. Ich denke mit Wehmut an amerikanische Gottesdienste: Dort werden meist ältere, aber immer hervorragende Melodien mit eigenem Charakter, musikalischem Fluss und vor allem Wiedererkennungswert mit verschiedenen Texten unterlegt. Die Melodien stammen oft aus Europa und stellen eine Kompilation der besten vorhandenen Gesänge dar. Die Gemeinde kennt also nur ein vergleichsweise kleines Repertoire von nur wenig mehr als hundert Gesängen. Die aber kennt sie und singt sie lautstark mit.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, mindestens einmal im Jahr mit unserem Chor, in dem auch 14- und 15-jährige mitsingen, einen Gottesdienst ausschließlich mit NGL zu gestalten. Es soll dies auch das Zeichen sein, dass die „Alten“ bei den „Jungen“ mitsingen, wenn es schon das ganze Jahr über umgekehrt ist. Es begann die Suche nach passender Literatur. Doch sie fiel schwer. Ich stellte mir vor, wie der Chor reagieren würde: Bei den meisten Sätzen würde es heißen „Gott, ist das langweilig!“, bei vielen sumpfig blümeranten, weinerlichen Texten („Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“; „Alle Knospen springen auf“) würde auch schallendes Gelächter ertönen. Am Ende landete ich bei einer Psalmvertonung von Heizmann („Meine Seele ist stille in dir“), einem Choralsatz des ehemaligen Kollegen Thomas Gabriel („Gott hat mir längst einen Engel gesandt“) und bei Alan Wilson (Magnificat), gute Beispiele moderner Kirchenmusik.

Aber die Tatsache, dass es im großen Angebot des NGL schwer gefallen ist, etwas Passendes zu finden, gab mir zu denken. Ich fand die Lieder oft melancholisch, erstaunlicherweise häufig in e-moll, selten wirklich mitreißend und die Texte eher zu midlife-crisis geplagten Menschen passend als zu Begeisterung suchenden Jugendlichen. Vielleicht sind die Texte ja auch von älteren Herren und Damen geschrieben, die sich nur noch mit Mühe der Jugend zurechnen können. Es passt irgendwie nicht zusammen, wenn Jugendliche von Ängsten, Nöten und Qualen sprechen, dies dann mit einem leicht synkopierten Rhythmus garniert.

Fast überhaupt nicht zu finden sind Vertonungen traditioneller Texte. Im Gegenteil: Freundliche Kirchentagslyrik wechselt sich mit zwecks Allgemeinverträglichkeit betont ungenau formulierten Alltagssorgen zu einem Konglomerat schwammigen Christentums.

Natürlich gibt es gute, ja begeisternde, textlich wie musikalisch gelungene Neuschöpfungen. Dazu gehört das „Ich lobe meinen Gott“ ebenso wie das in unserer Gemeinde höchst beliebte „Lamm Gottes“ von Horst Christill. Auch andere Lieder, von denen viele zum Glück Eingang in den (leider voller kleiner Fehler behafteten) neuen Diözesananhang des Gotteslobes gefunden haben, möchte ich nicht mehr missen. Aber darüber hinaus gab es wenig Neues zu entdecken.

Ich begann mich zu fragen: Liegt das Defizit nun an den Gesängen oder an mir? Bin ich intoleranter geworden? Ist die Suche nach Anspruch im Text eine Frage des Alters? Oder bin ich einfach nur älter geworden, die Sprache der Jugend wird mir langsam fremd und ich bin nicht mehr so leicht zu begeistern? Doch wer sagt eigentlich, dass Jugendliche keinen Anspruch haben? Niveaulosigkeit ist kein Garant für bessere Akzeptanz bei der Jugend.

Gibt es irgendwelche Hinweise von Jugend, die durch das NGL dauerhaft erfolgreich an die Kirche gebunden wurden? Wenn nun diese Jugend älter wird, und ihr das NGL nicht mehr „steht“, weil es als jugendlich gilt. Was hat diese Generation dann noch? Gassmann hat recht: Die Tradition ist gestorben.

Gemeinhin ist dies der Punkt, an dem der Autor zu dem Schluss kommen sollte, dass Pluralismus in der Kirchenmusik des Rätsels Lösung sei: Gregorianik und Mozart seien genauso viel wert wie Gotteslob und NGL. Doch das greift zu kurz. Es scheint eine spezifisch deutsche Krankheit zu sein, emotionale, gefühlsbedingte Werte als nicht quantifizierbar aus der Diskussion herauszuhalten. Und tatsächlich ist, was der eine schön findet, für den Anderen grausliges Machwerk. Für Letzteren ist dann wieder eine Schubert-Messe die Erlösung, die für andere langweilig ist. Aber es ist Musik, die wenigstens überhaupt jemanden erreicht. Und wahrscheinlich gehört zu Musik, die jemand lieben kann, auch dazu, dass es einen anderen gibt, der sie hasst. Emotionalität ist subjektiv. Und dieser Mut zur Subjektivität fehlt uns. Umgekehrt ausgedrückt: Musik, die in Text und Musik ausdrucks- und/oder mutlos bleibt, wird keine dauernden Befürworter finden können.

Im „alten Europa“ befindet sich die traditionelle Kirche auf dem Rückzug: In Polen leeren sich die noch zu kommunistischen Zeiten vollen Kirchen, in Prag werden Kirchen zum Erhalt der Bausubstanz an Konzertveranstalter vermietet, die ebenso geschmacklos und touristenorientiert im zweitägigen Rhythmus immer gleiche „Konzerte“ anbieten, bei denen dann immer wieder das „Ave Maria“ von Gounod, das „Ave verum“ von Mozart, die Moldau von Smetana oder auch mal die 5. Sinfonie von Beethoven in einer „Fassung“ für Streichquartett erklingt. Dagegen ist das kirchenmusikalische Leben in unserem Land geradezu als blühend zu bezeichnen.

England geht einen anderen Weg: Hier ist die kirchenmusikalische Tradition so viel wert, dass sie unabhängig von der Zahl der Interessenten weiter geführt wird: Der täglich in den 43 englischen Kathedralen dargebotene, musikalisch auf höchstem Niveau stehende „evensong“ (siehe Bericht von Andreas Grossmann) wird da vor meist leeren Bänken dargeboten (was zugegebenermaßen allerdings nicht gerade eine intensive Gemeindebezogenheit und Flexibilität offenbart). Kirchenmusik steht auf traditionellem Boden, und dennoch (oder besser: deswegen) entwickelt sie sich weiter. Nicht ohne Grund kommt gute neue Kirchenmusik (siehe Artikel: „Carter, Chilcott, Rutter“) aus England. Aber genau genommen kann das auch seine spezifische Ursache in der Musikkultur dieses Landes an sich haben: Denn auch die beste und wichtigste Pop-Musik kam und kommt aus England. Beatles, Rolling Stones und Pink Floyd kommen nicht aus dem Land der Dichter und Denker.

In den USA gehört es zum guten Ton, sich zu einer Kirchengemeinde zugehörig zu fühlen, den Gottesdienst regelmäßig zu besuchen. Aber man kann sich die Gemeinde und die Konfession aussuchen. Es gibt viele denominations, man sucht sich die den eigenen Bedürfnissen entsprechende heraus. Und hier? Nicht nur Max Reger wurde exkommuniziert, als er eine evangelische Frau heiratete.

Mittlerweile suchen sich hierzulande Jugendliche aus, ob und wenn ja, in welche Kirche sie gehen möchten. Die Zeiten, als man zu seiner Kirche gehen musste, sind fast überall vorbei. Diese de facto - Freiheit ist für die Kirchenleitung eine vergleichsweise neue Situation: Sie muss um ihre Kunden werben. An der Jugend allgemein kann es nicht liegen: Es gibt florierende Heilsangebote von fernöstlich über Gesundheitswahn bis new age, die allenthalben gerne angenommen werden. Die traditionelle Kirche rangiert hier unter „ferner liefen“. Die Kirchenmusik ist immer auch ein Ausdruck des Geistes der in der Kirche herrscht. Im Moment könnte man diesen Zustand in der kath. Kirche Deutschlands am ehesten mit „ratlos“ bezeichnen.

Es stellt sich die Frage, ob es die richtige Reaktion war, auf die Jugend zuzugehen, indem man ihre Sprache kopierte und die Inhalte vernachlässigte. Man nennt das gemeinhin „die Jugend dort abzuholen, wo sie steht“. Ist vielleicht die Förderung einer vermeintlichen Jugendkultur in der Kirche nur die Rationalisierung des eigenen inhaltlichen Versagens? Jugendliche werden die inhaltliche Leere bald merken. Tatsache ist: Kinder und Jugendliche wollen gefordert sein. Sie kehren der Kirche eher wegen Unter- als Überforderung den Rücken zu

Daher halte ich es für wichtig, auf dem Boden des Schatzes der traditionellen Musik nach neuen Wegen zu suchen. Keine Angst vor Qualität! Lasst uns musikalisch anspruchsvolle Lieder singen und keine bedeutungslosen und inhaltsleere Kehrverse. Lasst die Kinderchöre Bach-Choräle singen! Lasst die Erwachsenenchöre NGL singen, wenn es gut ist und Mozart. Und lasst uns nach musikalisch wie textlich hochwertiger (aber nicht abgehobener, nicht ausführbarer) Musik suchen, die unsere Chöre und Gemeinden begeistern kann.

Übrigens hat unser Chor die oben angesprochenen NGL-Stücke mit Freude gesungen. Thomas Gabriel gehört m.E. zu den Lichtblicken am Horizont deutschsprachiger Kirchenmusik – weit entfernt vom gängigen NGL. Auch ich war von der Stimmung wie vom Ergebnis angetan. Jetzt proben wir wieder eine Rheinberger-Messe, auch die 14- und 15-jährigen, die noch vor zwei Jahren im Kinderchor gesungen haben. Dort haben sie auch schon Bach und NGL gesungen, für sie ist es kein großer Umschwung.

Gabriel Dessauer, 2004

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Von Bach bis Schwarzenegger
Bericht über eine Orgelreise nach Los Angeles

Wussten Sie, dass die größte Kirchenorgel der Welt nicht mehr in Passau (17.700 Pfeifen) steht, sondern in Los Angeles, in der First Congregational Church (über 20.000 Pfeifen)? Die größten Orgeln überhaupt stehen ohnehin nicht in Kirchen, sondern entweder in einem Kaufhaus (Wanamaker-Store, Philadelphia, 28.000 Pfeifen) bzw. im Convention Center von Atlantic City (33.000 Pfeifen, jedoch derzeit nicht voll funktionsfähig).

Natürlich ist dieser Rekord musikalisch eher fragwürdig, aber er ist doch bezeichnend für die allgemeine Orgelsituation diesseits und jenseits des Atlantiks: Nicht nur in der Frage nach der Größe einer Orgel stellt sich die Frage, ob Deutschland zweitrangig wird, oder schon zweitrangig geworden ist. Darüber später mehr.

Die American Guild of Organists (AGO) veranstaltet alle zwei Jahre einen hochrangige, mehrtägige Convention, die jedes Mal in einer anderen Stadt abgehalten wird. Eine Großstadt muss es schon sein, immerhin müssen die mehr als 2100 Teilnehmer untergebracht werden. Das Tagungshotel in downtown LA ( Bonaventure ), in dem auch die workshops stattfanden, darf allgemein als bekannt gelten: In den außen liegenden Glasaufzügen konnte man vor Jahren Arnold Schwarzenegger in „True lies“ bewundern, wie er auf einem Pferd in einem solchen Aufzug einen Bösewicht verfolgt – jener Arnold Schwarzenegger, der nun in einem Vorwort des stattlichen Programmheftes als Gouverneur des Staates Kalifornien die angereisten Organisten mit einem eigenen Grußwort willkommen heißt. Die AGO zählt insgesamt knapp 20.000 Mitglieder – eine mittlere Kleinstadt voll Organisten… Nebenbei ist die Hollywood-Filmindustrie überall gegenwärtig: Viele lokale Organisten verdienen sich ein Zubrot mit Filmmusik und verweisen in ihrem Lebenslauf darauf, in welchem Film sie mitgewirkt haben.

Diese 5 Tage (04.-09. Juli 2004) waren angefüllt mit mehreren Konzerten täglich, Vorträgen, sowie einem Raum, in dem Orgelbaufirmen (auch deutsche!), Organisten, Verlage und Konzertagenten ihre Dienste anboten.

Als Gast war ich schon mehrmals bei diesen immer wieder hochinteressanten und inspirierenden Tagungen dabei gewesen. Diesmal hatte ich die Ehre, selbst einen workshop zu präsentieren. Das Thema: „Die geistliche Chormusik von Max Reger“. Angesichts der Aufgabe, diesen Vortrag auf Englisch und nach Möglichkeit auch noch in freier Rede zu halten, war mir doch etwas bang vor dem Auftritt. Sowohl das Interesse am Thema als auch die anschließenden Reaktionen zeigten jedoch, dass die Amerikaner Reger, dessen Orgelmusik sie sehr wohl kennen und schätzen, nun auch an seiner Chormusik Interesse zeigten und somit mein Anliegen wohlwollend aufgenommen hatten.

Daneben hatte ich noch die Gelegenheit, in drei Orgelkonzerten verschiedene Instrumente der Gegend selbst zu spielen: In der Pasadena Presbyterian Church , in der neu erbauten Cathedral of Our Lady of the Angels , und in der First Congregational Church, jener Kirche, die nun die größte Kirchenorgel der Welt beherbergt.

Die First Congregational Church liegt nicht mal im Zentrum (das es tatsächlich ansatzweise gibt) von LA, sondern in einem Viertel, in das man zumindest abends seinen Fuß nur ungern hineinsetzt. Die Kirche ist auch nicht spektakulär groß, vom Rauminhalt halte ich sie für kleiner als St. Bonifatius in Wiesbaden. Seit ihrer Bauzeit beherbergt sie die letzte E.M. Skinner-Orgel im Chorraum. In den 60ziger Jahren erhielt sie zusätzlich eine barocker disponierte große Schlicker-Orgel, die auf der traditionellen Westseite ihre Aufstellung fand. Später kamen noch kleine Seitenwerke hinzu, alle Werke wurden in sich erweitert, im Endeffekt kommt man auf 337 ranks (Pfeifenreihen), entsprechend etwa 250 Registern, insgesamt mehr als 20.000 Pfeifen (Passau: 17.000), darunter ein echtes 64' Register, das die Orgelbank sanft wie bei einem kleinen Erdbeben erzittern lässt. Nötig ist dies sicher nicht, aber es ist ein herrlicher Luxus. Eine Art Rolls-Royce der Orgeln: Das Instrument hat Farben und Kraft im Überfluss, ist aber niemals so laut, als dass man sich die Ohren zuhalten müsste: Der quadrophonische Effekt, wenn von allen Seiten die Klänge sich türmen, ist zweifelsohne erhebend. Der zentrale Spieltisch ist gewaltig, jedoch nicht unübersichtlich: Doch allein das Ziehen der Register für eine einzige anständige Forte-Registrierung kann schon mal 5 Minuten dauern.

Begonnen hatte ich meine Reise mit einem Konzert in Pasadena (nebenbei: Das Nahverkehrsnetz von LA ist weitaus besser als sein Ruf: Pasadena war schnell, komfortabel und preisgünstig zu erreichen). Die Presbyterian Church war in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts neu erbaut worden (das liest man häufiger mit einem mulmigen Gefühl im Magen: „…wurde nach dem Erdbeben von … neu errichtet“). Gelungene Architektur, eher kleines Gebäude, aber eine prachtvolle, viermanualige Orgel (90 Register) beherbergend, die einen deutschen Organisten vor Neid erblassen lässt.

Grundsätzlich ist die Vielseitigkeit einer amerikanischen Orgel zu bewundern: Neben einer satten Palette romantischer Grundstimmen, verschiedensten streichenden Stimmen, mehreren Schwebungen kennt die amerikanische Orgel weiche, kräftige Zungen und auch gute Mixturen, die sowohl Bach-Spiel, aber insbesondere romantische Werke gut darstellbar machen. Lediglich die Tatsache, dass im Pedal häufig Oktavauszüge sowie zahlreiche Transmissionen zu finden sind, erscheint mir nicht die beste Lösung.

Das letzte Konzert fand auf der im Herbst 2003 eingeweihten Orgel der (nach Erdbebenschaden) ein Jahr zuvor fertiggestellten katholischen Cathedral of Our Lady of the Angels des spanischen Architekten José Rafael Moneo in Los Angeles statt. Die Dobson-Orgel (4 Manuale, 78 Register) macht einen fantastischen Sound, vom nahezu unhörbaren Pianissimo bis zum am Spieltisch fast unerträglichen Fortissimo. Doch angesichts der enormen Ausmaße der Kathedrale (100 Meter Länge) und dem Fassungsvermögen von 3000 Plätzen ist diese Lautstärke notwendig. Manche Zuhörer sollen immer noch beklagen, die Orgel sei zu leise.

Ich habe auf jeder Orgel ein Werk von Reger (op. 135b, op. 127) gespielt und musste fast mit Tränen in den Augen (bzw. Ohren) feststellen, dass Reger dort besser klingt als auf den meisten Orgeln unseres Landes: Wir haben viele romantische Instrumente aus unseren Kirchen eliminiert. Durch Schwellwerke, die diesen Namen auch tatsächlich verdienen (ich kenne nach wie vor kaum eine deutsche Orgel, die ein wirklich gut schließendes Schwellwerk aufweist), und die Tatsache, dass meist alle Teilwerke außer dem Hauptwerk und dem Pedal in einem Schwellkasten stehen, ist eine dynamische und klangliche Flexibilität möglich, die wir hier nicht kennen. Die Farbigkeit der Streicher, die Weichheit der Zungen, die allerdings auch stärkste Kraft haben können, die perfekte Intonation der Instrumente, stellen dem amerikanischen Orgelbau ein hervorragendes Zeugnis aus.

Dabei fand ich eine Tatsache bemerkenswert: Es gibt kaum wirkliche Orgelneubauten. Die Orgel der Cathedral of Our Lady of the Angels wurde aus zwei älteren Instrumenten „zusammengesetzt“. Über die Geschichte der Orgel in der First Congregational Church habe ich weiter oben geschrieben. Weitere Beispiele ließen sich mühelos finden. Dies zeugt sowohl vom Respekt vor dem früher gebauten, als auch erzeugt es eine gewisse Tradition und Kontinuität. Hierzulande werden Orgeln, wenn sie nicht mehr dem (Zeit-) Geschmack des Organisten oder des Orgelsachverständigen entsprechen, als unreparierbar und nicht erhaltenswert dargestellt. Kurz vor dem scheinbar unvermeidlichen Neubau werden die „alten“ Pfeifen in Flohmärkten verscherbelt und finden sich dann als Wandschmuck in den Wohnzimmern aktiver Gemeindemitglieder. Ausgerechnet im Land der Verschwendung überdauert die Orgel Jahrhunderte, während man in Deutschland zu vergessen scheint, dass gerade durch das Befolgen von Moden im Orgelbau (historistische Einengungen, z.B. in „alten Stimmungen“, Fehlen von Spielhilfen, Eingrenzungen im Tonumfang) eine Kontinuität und damit ein Werterhalt eher unwahrscheinlich wird.

Im Verlauf der Convention hatte man Gelegenheit, Orgelkonzerte bekannter Organisten zu hören. Eigentlich war es bereits erstaunlich, dass neben mir nur ein deutscher Kollege, Hans Uwe Hielscher, anwesend war. Sind deutsche Organisten nicht interessiert zu erfahren, wie Musik in den USA gemacht wird? Es gäbe vieles, was wir dort lernen könnten:

Während wir uns in Deutschland über historisch korrekte Interpretation von Musik die Köpfe heiß reden, wird in den USA Musik gemacht. Man kennt dort die Forderungen der Historisten, findet das resultierende Ergebnis aber noch nicht ausreichend für eine zwingende Interpretation. Klagen amerikanischer Orgelliebhaber, die Orgelkonzerte in deutschen Kirchen gehört hatten, waren nicht selten. Das Urteil meist: „Zu laut, zu abgehackt.“ Dem fatalen Irrtum, dass eine scheinbar quantifizierbare, rationale historische Korrektheit bereits eine überzeugende Darstellung der Musik an sich bewirke, unterliegen amerikanische Organisten nicht.

Insgesamt ist festzustellen, dass amerikanische Organisten einen lockeren und positiven Zugang zu neuer Orgelmusik haben: Diese neue Musik ist meist erfreulich und schreckt die Zuhörer nicht ab. Die in Europa zu findende Konzentration auf die rein museale Wiederbelebung klassischer bzw. barocker Musik wird dort zu Recht als Sackgasse gesehen: Orgelkonzerte mit einem rein barocken oder klassischem Programm sind die Ausnahme. Die AGO vergibt daher zu jeder Convention Kompositionsaufträge an bekannte Komponisten. Diese Werke werden im Rahmen der Convention uraufgeführt, gelangen so ins Blickfeld vieler Organisten und werden so ggf. zum Bestandteil des gängigen Repertoires.

Wichtiger Teil jeder Convention sind die Orgelwettbewerbe: Nach Vorausscheidungen in den einzelnen Regionen stellen sich junge Organisten (und natürlich Organistinnen, deren Anteil in den USA ungleich höher ist als bei uns) in Konzerten der Endausscheidung in den Fächern Improvisation und Literaturspiel. Die teilweise beachtlich dotierten Preise werden von amerikanischen Orgelbaufirmen zur Verfügung gestellt, was mir ebenso sinnfällig wie auch für unseren Kontinent vorbildhaft erscheint.

In diesen Wettbewerben werden die Talente geschmiedet, die mich anschließend in Orgelkonzerten erster Qualität in Erstaunen versetzten. Ich beginne mich zu fragen, woran es liegt, dass amerikanische Organisten, salopp formuliert, in einer anderen Liga zu spielen scheinen. Liegt es an der oft kritisierten Qualität der Ausbildung an unseren Hochschulen und Universitäten? Oder schon an der Schulbildung? Gibt es eine mangelnde Leistungsbereitschaft in unseren Familien? Unterliegen selbst Musiker der Mentalität der Freizeitgesellschaft, die sie nur so viel wie nötig arbeiten lässt?

Die Orgelkonzerte, die ich In Los Angeles (und nicht nur dort) hören konnte, waren allesamt musikalisch wie technisch perfekt und begeisterten die Zuhörer. Selbstverständlich benötigt kein amerikanischer Organist einen Registranten (ein Organist sagte mir: „Es wäre mir viel zu riskant, das Geschick über meine Klänge in die Hände eines ggf. nervösen Registranten zu legen“), und spielt auf einem überzeugend hohen musikalischen Niveau. Viele Organisten spielen auswendig. Als Beispiel möchte ich hier das Konzert des aus Mannheim stammenden Organisten Christoph Bull nennen: Er ist jetzt Organist an der Universität von Los Angeles. Er spielte an der dortigen 5-manualigen E.M. Skinner-Orgel ein Konzert mit Werken von Reger, Manuel de Falla, ein Auftragswerk für die Convention und zum Schluss (auswendig und schallplattenreif!) eine eigene Bearbeitung des Schlusssatzes aus Mozarts Jupiter-Sinfonie. War ich davor noch skeptisch, ob sich dies auf der Orgel wirklich schlüssig darstellen ließe, so war ich anschließend – wie alle anderen Zuhörer, die ihn in standing ovations feierten – begeistert, von der gekonnten Übertragung, die Mozarts Sinfonie klanglich in die Richtung der f-moll- Orgelfantasien ansiedelten und so überzeugten.

Christoph Bull ist einer der wenigen deutschen Organisten, die in die USA gegangen sind und dort Karriere gemacht haben. Wolfgang Rübsam, Stefan Engels und neuerdings Felix Hell sind zu nennen,die ebenfalls dort Fuß fassten.

Der aus Frankenthal stammende Felix Hell, inzwischen knapp 19 Jahre alt, wird in den USA teilweise wie ein Wunderkind gehandelt. Da ich ihn selbst noch nicht live gehört habe, kann ich mir über sein Spiel kein Urteil erlauben. Etwas befremdet war ich, als er sich auf der Convention 2002 in Philadelphia zwischen Verlagen und Orgelbaufirmen mit einem eigenen Stand präsentierte. Dies scheint jedoch dort nichts Ungewöhnliches zu sein. Sein Vater ist zu ihm in die Vereinigten Staaten gezogen. Dort fördert und unterstützt er nun die Karriere des Sohnes und fungiert als sein Konzertmanager. Sollte Felix es schaffen, eine Art „boom“ auszulösen, dann könnte dies für die gesamte Orgel-„Szene“ förderlich sein. Felix Hell stellt sich dem harten amerikanischen Konkurrenzkampf, denn zweifellos spielen in diesem Land die besten Organisten der Welt.

Während der Convention hatte man auch die Gelegenheit, einen von drei gleichzeitig stattfindenden Gottesdiensten zu besuchen. Auswählen konnte man zwischen einem anglikanischen evensong , einem ökumenischen Gottesdienst, vornehmlich mit neuer geistlicher Musik, sowie einem jüdischen Sabbat-Gottesdienst. Ich entschied mich für den evensong . Musikalisch stellte sich schon bald heraus, dass es sich gelohnt haben sollte: Der Chor war hervorragend, das Orgelspiel, nun schon fast selbstverständlich, makellos. Was mich besonders beeindruckte, aber auch etwas traurig stimmte, war die Tatsache, dass der innerhalb eines Gottesdienstes für einen Musiker meist uninteressanteste Teil, hier fast der beste war: Die Predigt. Gehalten von der Dekanin der Episkopalen Theologischen Schule in Claremont, Rev. Canon Mary June Nestler: Eine inhaltlich wie rhetorisch bestens ausgefeilte Ansprache, voller Warmherzigkeit und Humor. Die fast 1000 anwesenden Organisten folgten ihr mit Begeisterung und Spannung. Ich begann zu verstehen, warum 70% aller Amerikaner sich zu einer Kirche zugehörig fühlen. Ich konnte in dieser Ansprache die richtige Ausgewogenheit von Ernsthaftigkeit und Liebe spüren, die ich in vielen katholischen Gemeinden in Deutschland oft vermisse. Hier trifft man zu häufig bei Organisten wie bei Priestern auf routiniertes und oft liebloses „Abspulen“, das in der Folge nicht gerade werbewirksam ist. In den USA wählen viele der unzähligen und oft unabhängigen Kirchengemeinden ihren Pfarrer selbst. Das spornt diesen dementsprechend auch zu besonderer Leistung an.

Bei meinem workshop erwähnte ich auch, dass in Deutschland ein katholischer Kirchenmusiker sich auch nur für eine katholische Stelle bewerben kann und evangelischer sich nur für eine evangelische. Dies war den Amerikanern ebenso neu wie unverständlich: Dort gehört man zu der Gemeinde, bei der man angestellt ist. Und das wechselt eben je nach Anstellung.

Amerikaner lieben Gala-Dinners. Diese geben wiederum Gelegenheit, Kollegen kennen zu lernen, als auch die „andere“ Seite der Orgelmusik: Ein dort bekannter Fernsehstar ist David Hyde Pierce, ein ehemaliger Organist. Er hielt einen launigen Vortrag „Warum ich nicht Orgel spiele“. Höhepunkt des Vortrages: Er hielt ein Buch mit detaillierten Verzierungsanweisungen verschiedenster Stilrichtungen in die Höhe: Sein Kommentar: „Warum ich nicht Orgel spiele? Diese Anweisungen sind mir einfach egal!“. Brüllendes Gelächter im Saal!

Anschließend spielte der als „Der Unvergleichliche“ angekündigte Organist Hector Olivera auf einer elektronischen Orgel (deren Hersteller Roland mehrmals genannt wurde – wahrscheinlich hatte er das Instrument kostenlos zur Verfügung gestellt – Product placement auf amerikanisch) eine Reihe von Orgelbearbeitungen bekannter Orchesterwerke. Darunter die „Rhapsody in Blue“ von Gershwin oder eine Orgelfassung des letzten Satzes der Orgelsinfonie von Saint-Sa ë ns. Seine Virtuosität ist in der Tat unvergleichlich: Den Hummelflug von Rimsky-Korsakoff präsentierte er im Pedal – die Organisten tobten. Nicht fehlen durfte natürlich „seine“ Fassung der Gigue-Fuge von Bach (Peters, 9. Band, G-Dur, BWV 577): Original, aber mit leichten Schlagzeug-Effekten. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu Bachscher Orgelmusik mit 2000 amerikanischen Organisten zusammen im Takt mitklatschen würde.

Zu elektronischen Instrumenten haben Amerikaner ein völlig ungezwungenes Verhältnis. Selbst die Orgel der First Congregational Church oder die Orgel der Crystal Cathedral, die es nun wahrlich nicht nötig hätten, beherbergen einige elektronische Stimmen (32'). Und die Orgel einer mittelgroßen Kirche im Nobelviertel Bel Air würde man im Autobau wohl als „Hybrid-Orgel“ bezeichnen: Neben 61 echten Registern beherbergt sie noch 91 elektronische, die beide gleichwertig nebeneinander bedient werden. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte immer erkannt, ob gerade echte oder elektronische Pfeifen erklangen.

Nicht fehlen durfte bei einem Ausflug nach Los Angeles die weltweit wohl bekannteste Orgel: Sie ist sonntags im Fernsehen (derzeit auf „Vox“) in der „hour of power“ zu hören.

Mit 218 Registern gehört sie auch nicht zu den kleineren Orgeln. Einst noch vom nach wie vor unvergessenen, heute schon fast legendären letzten Starorganisten Virgil Fox disponiert, wurde sie nach dessen Tod vom jetzigen Präsidenten der AGO, Frederick Swann gespielt. Noch heute erinnere ich mich mit Freuden an seine kunstvollen Modulationen zum „last verse“ des jeweiligen Hymnus, der dadurch ein besonderes Gepräge erhielt. In allen vier Ecken des modernen, von Philip Johnson entworfenen Glaspalastes stehen kräftige Orgeln mit einer enormen Trompeteria, die die riesige Halle füllen. Doch Frederick Swann wechselte zur First Congregational Church. Es heißt, der charismatische Leiter der Crystal Cathedral, Dr. Robert Schuller, dessen Theologie ganz auf den Positivismus eines Norman Vincent Peale aufbaut, hätte ihm geboten, nur noch in „Dur“ zu spielen.

Wir erlebten Swann an seiner alten Wirkungsstätte mit einem abwechslungsreichen Programm, das triumphal mit dem Finale aus der 6. Symphonie von Widor endete: Mitten in diesem Finale öffnete sich seitlich der Haupttribüne (von Altar zu sprechen, wäre verfehlt) eine riesige, circa 20 Meter hohe Tür und gab den Blick nach außen frei. Eine eindruckvolle Inszenierung, die verständlich machte, dass bei dieser Kirche sogar der Besuch des Gottesdienstes im „drive in“ Verfahren möglich ist: Der Gottesdienst wird auf Riesenleinwänden nach außen übertragen.

Am letzten Abend gab es dann den großen Höhepunkt, auf den viele gewartet hatten: Zum ersten Mal konnte die Orgel der Walt Disney Concert Hall gehört werden. Die von Frank Gehry konzipierte Konzerthalle selbst wurde erst vor kurzem eingeweiht. Von außen erinnert sie an sein berühmtes Guggenheim Museum in Bilbao, innerlich gleicht sie einem Segelschiff, dessen Bug die Bühne und das Heck die Zuschauertribüne ist. Alles leuchtet in den warmen Farben des Holzes der amerikanischen Douglas-Fichte. Die Decke gleicht mehreren herunterhängenden Tüchern, deren Falten sogar sichtbar zu sein scheinen. Kein rechter Winkel findet sich in dem ganzen Gebäude, das zum Glück aber keine direkten Micky Maus-Assoziationen weckt.

Verständlich, dass Gehry hier nun keine „normale“ rechteckige Orgel wollte, deren Zinnpfeifen das Gesamtkonzept gestört hätten. Zusammen mit dem Orgelbauer Rosales erarbeitete er das ausgeführte Konzept mit Holzpfeifen, die das Geschwungene der Fassade aufnehmen können. Eine besondere Aufgabe war es für Architekten und Orgelbauer, eine Möglichkeit zu finden, die Prospektpfeifen so zu verankern, dass sie dennoch erdbebensicher sind. Das ebenso revolutionäre wie wahrscheinlich einmalige Ergebnis gab der Orgel frühzeitig den Namen „Pommes-Frites-“ oder „Mikado-Orgel“. Die technische Ausführung der von Rosales erarbeiteten Disposition lag in den Händen der Owinger Orgelbaufirma von Caspar von Glatter-Götz. Die Intonation übernahm wieder Rosales. Die Disposition weist französische (u.a. Registernamen), spanische (horizontale Trompeten) und amerikanische (Streicher, Schwebungen, vergleichsweise wenig eigenständige Pedalregister) Elemente auf. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Symbiose deutschen und amerikanischen Orgelbaus: Einerseits sprechen die Pfeifen schneller an als eine amerikanische Großorgel, andererseits gibt die traditionelle Intonation der Orgel die Wärme und Fülle, die man an amerikanischen Orgeln so bewundern kann. Die Zusammenarbeit zwischen Caspar von Glatter-Götz und Manuel Rosales trägt bei dieser Orgel zum zweiten Mal Früchte: Schon 1998 bauten beide Orgelbauer zusammen die Orgel der Claremont United Church of Christ (54/III), die bei einem Konzert der Tagung auf große Anerkennung stieß. Deutsche Handwerkskunst und amerikanisches Intonationsgeschick ergänzen sich perfekt.

Ein durchweg impressionistisches Orgelkonzert „Concierto de Los Angeles“ des in Los Angeles lebenden und lehrenden Komponisten James Hopkins eröffnete stimmungsvoll das Konzert. Es folgten Solowerke für die Orgel von Reger, Vierne und Hakim. Nach der Pause erklang das düster – mystische Orgelkonzert Nr. 1 von Leo Sowerby. Insgesamt drei Organisten kamen neben dem Los Angeles Philharmonic Orchestra zum Einsatz. Sie zeigten die für amerikanische Orgeln doch eher seltene Farbigkeit der Orgel: Es ist nicht das erste Mal, dass Glatter-Götz und Rosales so zusammenwirken. Aber das Ergebnis zeigt, dass eine Zusammenarbeit zweier Kontinente höchst fruchtbar sein kann. Die Orgel wurde übrigens von Toyota gestiftet, worauf ein kleines Schild am Spieltisch hinweist. Eine neue Art des Sponsoring scheint sich da aufzutun. In Zeiten nachlassender öffentlicher Zuschüsse für kulturelle Projekte nicht die schlechteste Variante.

Ich wurde oft gefragt, ob es in Deutschland eine ähnliche Veranstaltung wie die Convention der American Guild of Organists gäbe. Ich musste verneinen. Es gibt in Deutschland keine überkonfessionelle Organistenvereinigung. Und das ist zu bedauern. Denn ein solcher Austausch würde uns Organisten, die wir oft kaum mehr als den Umkreis unserer Gemeinde kennen, sicher gut tun.

Gabriel Dessauer, Juli 2004

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Hören - Zuhören - Gehorchen

Ich weiß nicht, ob die Welt lauter geworden ist, wie man häufig klagen hört. Tiergeräusche auf Bauernhöfen dürften in der Vergangenheit ähnlich nervig gewesen sein, Komponisten sollen sich über das Gekreische von Vögeln erregt haben. Ich kann mir vorstellen, dass die Mischung von Geräuschen auf einem mittelalterlichen Marktplatz auch nicht gerade leise und erbaulich gewesen ist.

Musikinstrumente waren eher leise und vornehm – sieht man einmal von den sprichwörtlichen Posaunen ab. Die Königin der Instrumente war der Kirche vorbehalten: Die Orgel! Was muss das für ein erhebendes Gefühl für die Menschen früherer Jahrhunderte gewesen sein, wenn sie in die Kirche kamen und Orgelklänge brausten durch die großen Gewölbe mit entsprechender Akustik.

Der Wert von Musik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. Musik ist allgegenwärtig (früher war das nur Gott…). Sie begleitet uns in Kaufhäusern (ab Oktober mit zum Kauf animierenden Weihnachtsliedern), in Wartezimmern von Ärzten, sogar in U-Bahnhöfen. Immer soll die Musik eine Art Drogenwirkung haben, sie soll beruhigen, besänftigen, fröhlich und unbesorgt machen. Nur in Hamburg wird ein originelles Experiment praktiziert: Dort will der Senat mit klassischer Musik bestimmte Klientel (Junkies und Punks) aus den U-Bahnhöfen herausekeln. Beethoven zum Vergraulen?

Schüler behaupten, mit Musik besser Hausaufgaben machen zu können, in touristisch bedeutenden Kirchen erschallt aus Lautsprechern gregorianischer Gesang, der die Besucher ehrfürchtig gesinnen soll. Mit Musik beschallte Kühe (Mozart sei besonders wirkungsvoll) geben mehr Milch.

Musik hat eine suggestive und einigende Wirkung auf Menschengruppen: Von der gregorianischen Schola über den Kirchenchor, über das Absingen des Horst-Wessel Liedes im Nationalsozialismus bis zu den Schlachtrufen von Fußballfans jeglicher Couleur à la „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ (ich denke dann immer: Dort sind sie, die Tenöre, die bis zum hohen a lautstark schmettern, die möchte ich mal in der Kirche haben!): Wer nutzt nicht die Kraft der Musik? Auch wir Kirchenmusiker leben schließlich davon.

Wir wachen mit Radiowecker auf, in der Küche und im Auto brabbelt das Radio, selbst im Restaurant werden wir mit Hintergrundsmusik zwangsbeglückt, was eine sinnvolle Unterhaltung erheblich erschweren kann (Ja, ich weiß, das ist auch eine Frage des Alters, da wird man eben etwas „schwer-hörig“). Je nach Alter geht man abends dann in die Disco, oder zieht sich das „Musikantenstadl“ im Fernsehen rein. Das Schlafzimmerradio hat sogar eine „snooze“-taste, damit wir es nicht mehr ausschalten müssen, wenn wir mit Musik eingeschlafen sind. Und im amerikanischen Durchschnittshaushalt läuft der Fernseher von morgens bis abends, auch wenn keiner hinsieht. Jeder redet, aber niemand hört hin.

Die Musik auf dem Wiesbadener Weinfest (und sicher nicht nur dort) ist dermaßen laut, dass man sich im Umkreis von 50 Metern nur brüllend „unterhalten“ kann. Musik reproduzierende Geräte sind in den letzten Jahrzehnten so billig geworden, dass sich auch zweitklassige Bands eine 1000-Watt-Anlage leisten können. Das Gewummer rhythmusbetonten Einheitsbreis kann mühelos ganze Straßenzüge zudecken. Gehörschäden sind die häufige Folge. Und Teenies freuen sich über erbärmliche Klingeltöne, die sie sich für viel Geld aufs handy laden. Schade, dass man nur die Augen, nicht aber die Ohren schließen kann.

Musik hat eine Bedeutung in unserem Alltag bekommen, derer wir uns nicht genügend bewusst sind. Sie wird meist als eine Art Hilfsdroge eingesetzt – mit all den bekannten Nachteilen, die eine Droge nach sich zieht.

Der Kinofilm ist die adäquate Fortsetzung der Oper: Musik wird als stimmungsbildendes Mittel zur Steigerung der Ausdruckskraft eingesetzt. Man hört schon vorher an den hoch fiependen Geigen, dass bald der Mörder um die Ecke kommen wird. Fast alle berühmten klassischen Melodien sind schon an entsprechenden Stellen zur Untermalung wichtiger Szenen zweckentfremdet worden. Ein Adagio aus einer Mahler-Sinfonie hat vor wenigen Monaten als Hintergrundsmusik zum spektakulären Schauspiel der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen in live-Ausstrahlung etwa die Hälfte der gesamten Menschheit erreicht. Ich gebe zu, dass mich der 4. Satz aus Beethovens 7. Symphonie als Hintergrundsmusik zu einer „Peter-Stuyvesant“ Zigarettenreklame im Kino in den 70-iger Jahren hingerissen hat. Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra“ wurde durch Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ sogar erst richtig berühmt. Was die Komponisten dazu sagen würden? Wahrscheinlich würden sie sich freuen: Es bringt ihnen Tantiemen.

Aber: Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen der vielen Musik und den Kommunikationsproblemen unserer Gesellschaft? Noch nie gab es so viele Single-Haushalte wie heute. Diese Singles können das nur aushalten, da ihnen die reproduzierenden Geräte eine Kommunikation vortäuschen können. Musik dient als Ersatz für Kommunikation. Ohne Musik wäre diese Einsamkeit nicht auszuhalten.

Gleichzeitig ist festzuhalten, wie schwierig Kommunikation, das simple Reden miteinander geworden ist: Grob gesagt: Es wird viel zu viel geredet. Das fängt bei Politikern an, die in langen Reden nur wenige Inhalte vermitteln. Es geht bei Moderatoren, Immobilienmaklern und vielen anderen „Berufsrednern“ weiter. Als Schüler habe ich einen sogenannten „Rhetorikkurs“ besucht. Prüfungsaufgabe am Schluss war, über eine Sache 10 Minuten zu reden, von der man definitiv keine Ahnung hatte. Ich sollte mir vorstellen, ich sei ein Verleger, der Buchhändlern einen Lyrikband anpreisen sollte, den ich sowohl in der Aufgabe als auch tatsächlich nicht kannte. Es fiel mir leichter, als ich zunächst dachte…

Zum Thema Rhetorik noch eine kleine Anekdote: Ein Reporter fand in einem Redemanuskript unseres früheren Bundespräsidenten Rau die Randbemerkung seines Ghostwriters: „Diesen Satz bitte besonders hervorheben – das Argument ist schwach!“.

Hören wir wirklich schon so sehr auf den Ausdruck, dass wir nicht merken, wenn der Inhalt Unsinn ist? Die Notiz scheint dies zu unterstützen.

Das Zuhören fällt offensichtlich schwer: Wie oft spürt man in einer Unterhaltung, dass der Gesprächspartner (sic!) das Erzählte nicht aufnimmt, sondern nur als Anlass, etwas von sich zu erzählen. Die Frage, ob das, was man erzählt, den anderen interessiert, scheint zweitrangig zu sein. Man bekommt alle möglichen Dinge bis hin zu den Krankheitsgeschichten ungefragt verabreicht, so dass man sich häufig die Frage stellt: Hat diese Person es vielleicht einfach nötig, zu reden? Muss sie irgendetwas loswerden? Bei Senioren ist man das gerne bereit zu akzeptieren. Sie sind vielleicht wirklich einsam und freuen sich über einen Menschen, der ihnen zuhört (so er es denn kann). Das ist oft interessant und bereichernd.

Aber bei jüngeren erstaunt mich die Unfähigkeit, zuhören zu können, doch sehr. Man spürt sehr schnell im Gespräch, ob der Gesprächspartner am Geben und Nehmen, am Austausch interessiert ist, oder ob er sein Gegenüber nur als Stichwortgeber benötigt.

Worauf sollen wir hören, sag uns worauf? So viele Geräusche, welches ist wichtig? So viele Beweise, welcher ist richtig? So viele Reden! Ein Wort ist wahr“ (GL 623,1, Text: Lothar Zenetti).

„Täglich umgeben mich Worte und Stimmen, aber ich höre gar nicht mehr hin, denn deine Stimme höre ich nicht mehr heraus “ (GL 301,3, Text: Gerhard Valentin).

Wir werden mit Information zugemüllt. Nachrichten, Fernsehen, Werbung, Sport, email, Internet, handy, sms, Telefon und vor allem: Gebrauchsanweisungen (kennen Sie alle Funktionen Ihrer Digitalkamera oder Ihres handys? – ich nicht)!. Jede Information behauptet von sich, wichtig zu sein. Zwangsläufig wird aber der Wert der einzelnen Nachricht angesichts der Fülle der Gesamtinformationen geschmälert. Die Zunahme der Quantität der Informationen muss angesichts der begrenzten menschlichen Aufnahmefähigkeit reziprok zur Abnahme der Qualität ihrer Verarbeitung im Einzelnen führen. Oder gibt es ein Beispiel dafür, dass wir, die wir nun fast in Echtzeit vom Schicksal anderer Menschen in anderen Kontinenten erfahren, diesen nun vermehrt helfen?

Wir Kirchenmusiker sind an der Reizüberflutung durch Musik auch nicht ganz unschuldig: Es gibt definitiv in unserer Gesellschaft ein Überangebot an Kultur. Und immer wieder fördern Verlage neue „vergessene“, „unterschätzte“ „Meisterwerke“ zu Tage, die wir nun auch noch kennen lernen sollen. Meist entpuppen sie sich als Gebrauchsmusik früherer Jahrhunderte, die entweder nur regionale oder zeitliche begrenzte Bedeutung hatten.

Man kann von niemandem verlangen, alle in einer größeren Stadt angebotenen Kirchenkonzerte zu besuchen. Die heimische CD-Sammlung stellt eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz dar. Zu Hause ist im Winter besser geheizt, der Organist spielt fehlerlos, man kann Chips nebenher futtern, ein gutes Buch lesen (womit man allerdings gute Musik degradiert) und muss sich nicht an den Geräuschen und Ausdünstungen der Nachbarn stören. Außerdem zahlt man nur einmal und kann zwischendurch auf die Toilette gehen.

Zuhören ist schwer. Es erfordert Übung, Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Empathie. Rundfunk- und Fernsehanstalten haben sich bereits darauf eingestellt, dass eine Nachricht nicht länger als 90 Sekunden dauern darf. Dann lässt die Aufmerksamkeit nach. Danach folgt wieder Musik. Was umgekehrt bedeutet, dass Musik offensichtlich keine Aufmerksamkeit benötigt.

Und dann gibt es noch das „hören“ im Sinne von „gehorchen“.

Gehorsam kann sinnvoll sein, wenn man damit Unglück abwenden kann. Es ist richtig, Kindern beizubringen, bei „Rot“ nicht über die Straße zu gehen, auch wenn im Moment kein Auto zu sehen ist. Doch ist Gehorsam kein Wert an sich: Wer zu sehr gehorsam ist, oder wem zu sehr Gehorsam eingeimpft wurde, der wird nicht in der Lage sein, zwischen sinnvollen und unsinnigen Vorschriften zu unterscheiden: Zu oft haben sich gerade Deutsche auf den Gehorsam als Rechtfertigung eigenen Handelns berufen können.

Ich frage mich häufig, ob wir nicht nur dann Vorschriften befolgen, wenn wir Angst vor Strafe haben. Wenn wir auf der Autobahn am Elzer Berg wie vorgeschrieben 100km/h fahren, dann nur, weil wir wissen, dass wir dort bestraft werden, wenn wir zu schnell fahren, und nicht etwa weil es gerade an dieser Stelle zu Unfällen infolge überhöhter Geschwindigkeit kommt. Gehorsam folgt nicht der Einsicht sondern der Angst vor Strafe. Es ist nicht der Sinn der Vorschrift, der unser Handeln bestimmt. Wenn nun eine Vorschrift, ein Gesetz oder ein Befehl nicht sinnvoll oder gar schädlich und ungerecht ist, wir aber bei Nichtbeachtung Bestrafung fürchten müssen, wie handeln wir dann? Zivilcourage ist keine Dummheit. Aber sie ist leider selten.

Und nun höre ich auf zu reden. Schweigen ist oft sinnvoller als Reden. Doch können viele Menschen Stille nicht mehr aushalten: Denn Schweigen führt zu einem selbst zurück, man kann sich nicht mehr von sich selbst ablenken. Nun möchte ich Ihnen, geneigter Leser, geneigte Leserin, die Gelegenheit zum Schweigen und zur Stille geben. Oder läuft bei Ihnen etwa gerade der Fernseher oder das Radio?

Gabriel Dessauer

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Warum wird in Deutschland so wenig gesungen?

Vor einigen Wochen war ich in Brugge zu einem Orgelkonzert. Am Abend davor setzte ich mich nach dem Abendessen mit einem Eis auf die breite Treppe des Postamtes und beobachtete das muntere Treiben auf dem belebten Platz. Ich blieb nicht lang alleine. Immer mehr Jugendliche sammelten sich um mich herum, augenscheinlich eine englische Schulklasse, ich schätze, so zwischen 15 und 16 Jahren. Jemand aus der Gruppe fing ein Lied an – alle anderen fielen ein. Ein anderes Mädchen begann ein neues Lied, die anderen sangen mit. Die Jugendlichen standen weder unter Drogen noch unter Alkohol – das Singen machte ihnen einfach Spaß. Schließlich kam die Lehrerin dazu, sie klärte mich auf, dass es sich um eine Middle-School aus einem Vorort Londons handelte. Die Jugendlichen – manche jungen Männer kaum dem Stimmbruch entwachsen - sangen ausgezeichnet, alle machten einen fröhlichen, einander zugewandten Eindruck.

Ganz beschwingt verließ ich die Szene und stellte mir die Frage, ob das auch in Deutschland ginge.

Ein krasses Gegenbeispiel: Ich versuche von Zeit zu Zeit die Gottesdienstgemeinde in St. Bonifatius kurz vor dem Gottesdienst entweder zu neuen Liedern oder zum Singen von Kanons zu animieren. Es amüsiert mich schon fast, wie manche Leute in diesem Fall einfach nichts tun: Die einen tun so, als würden sie intensivst ins Gebet versunken sein, andere blicken betreten zur Seite und die dreistesten schauen mich an, tun so, als ob sie das überhaupt nichts anginge und reagieren einfach nicht. Mit frechen Bemerkungen meinerseits versuche ich dann die Stimmung aufzulockern „Meine Damen und Herren: Es passiert Ihnen nichts, wenn Sie den Mund aufmachen, Singen ist ungefährlich!“ oder: „Es ist nicht peinlich, wenn Sie lauter singen als Ihr Nachbar, zeigen Sie ihm, was sie können“. Notfalls helfen auch die seriösen Ermunterungen: „Denken Sie daran: Wer singt, betet doppelt!“.

Übrigens lassen sich Jugendliche viel leichter überreden, ihre Zurückhaltung aufzugeben als ältere Erwachsene. Von denen wurde ich schon mal kritisiert, es sei unmöglich, dass der Herr Dessauer einen im Gottesdienst nicht in Ruhe lassen würde. Irgendwie scheint mir da ein falsches Bild von einem „Gemeindegottesdienst“ zu Grunde zu liegen.

Jugendliche singen in Deutschland meist nur dann gerne, wenn es mit Ritualen zu tun hat (Fußball), oder übermäßiger Alkoholkonsum zu einem Absenken der Hemmschwellen geführt hat. In der Schule ist Musik ein unterbewertetes Fach, dessen Leistungsbewertung zu wenig signifikanten Einfluss auf die Gesamtnote hat.

Klassische Musik ist dem normal gebildeten Jugendlichen heute ebenso fremd wie Kirche. Auch die Eltern singen meist nicht, zum Einschlafen gibt es ja spezielle „Kinder-Einschlaf-CDs. Die Großeltern, die ein solches Defizit früher oft auffangen konnten, wohnen nicht mehr im gleichen Ort, wo soll ein Kind heute eigentlich noch gute Musik zu hören bekommen? Oder schlimmer: fast jedes Kind hat ab dem Babyalter ein eigenes Musikreproduktionsgerät in seinem Zimmer stehen. Aus dem dudelt dann mehr oder weniger kindgerechte, aber zumindest fast durchweg leicht verdauliche Hintergrundsmusik. Wie soll ein Kind da noch die Notwendigkeit verspüren, selber Musik zu machen?

Zum Glück gibt es noch Eltern, die ihren Kindern zum Einschlafen, aber eben nicht nur dann Lieder vorsingen und mit ihnen gemeinsam singen.

Ein Wort an die Väter: Immer wieder erlebe ich, dass ein Kind im Kinderchor den Ton, wenn ich ihn vorsinge, nicht automatisch in der Kinderlage nachsingt, sondern direkt versucht, meine Stimmlage zu finden. Das ist natürlich Unsinn und beweist, dass der Vater (oder/und Großvater) noch nie mit diesem Kind gesungen hat. Ganz offensichtlich gibt es noch einmal ein Gefälle zwischen Frauen und Männern. Ein Mann singt nicht!

Als Leiter eines Kinderchores im 21. Jahrhundert erlebt man die komischsten Dinge. Da war der Junge, dessen Mutter ihn in den Kinderchor schickte. Sie beschrieb ihn als Kind, das zu Hause immer Töne schmettern würde. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht klar, wie wörtlich das gemeint war. Nun, er kam, sollte einen Ton nachsingen, und produzierte auf einmal einen Pavarotti-ähnlichen, vibratoreichen Ton in größter Lautstärke mit der dazugehörigen Operngeste, die er eindeutig aus dem Fernsehen kannte. Leider handelte es sich mitnichten um den geforderten Ton. Es stellte sich heraus, dass er nur diesen einen Ton und in dieser Theatralik beherrschte. Das normale, lockere, kindgemäße Singen beherrschte er nicht, und wollte es auch eindeutig nicht erlernen. Möglicherweise hatte man ihn zu Hause ob des einen Tones in den Himmel gelobt und ihm eine Karriere als „Pavarotti 2“ in Aussicht gestellt. Er hat die Sonderbehandlung im Kinderchor nicht erhalten und verließ ihn bald wieder.

Und dann gab es den Vater, dessen Kind ihm zu verstehen gab, dass es singen möchte. Doch anstatt selbst mit dem Kind zu singen, delegierten sie die Verantwortung lieber an einen „Profi“ („Wir? Nein! Wir können nicht singen. Deshalb soll er ja zu Ihnen!“). So kam der arme Knabe in den Chor, mit 9 Jahren viel zu alt. Weder von mir, noch von einem anderen Kind konnte er den Ton abnehmen.

Ich pflege in solchen Fällen mit den Eltern zu reden: Wenn das Kind (noch) nicht singen kann, dann liegt es daran, dass niemand zu Hause mit dem Kind singt, geschweige denn gesungen hat. Dann dauert es bisweilen recht lange, bis ein Kind das Singen drauf hat. Die Eltern behaupten in diesem Fall gerne, man hätte ihnen in der Schule gesagt, sie können nicht singen, daher täten sie es dann auch nicht mehr. Ich halte das meist für eine fromme Ausrede, so unpädagogisch war man auch vor 30-40 Jahren nicht. Oder etwa doch?

Alle Kinder sind zunächst musikalisch. Bevor ein Baby spricht, singt es (cum grano salis). Singen ist das erste, natürlichste, eigenste, vielfältigste, billigste und pflegeleichteste Musikinstrument des Menschen.

Wenn also ein Brummer (interessanterweise mehr Jungen als Mädchen: Ist Singen nur was für Mädchen, s.o.?) in den Kinderchor kommt, dann wird er darin trotzdem aufgenommen. Er darf meistens mitsingen und bei den Einzelübungen lobe ich ihn für jeden Ton, den er geschafft hat. Die anderen Kinder sind bemerkenswert tolerant, und klatschen nicht selten Beifall, wenn ein Kind zum erstenmal einen höheren Ton, beispielsweise ein e'' geschafft hat.

Fast jedes derartige Kind in unserem Kinderchor hat früher oder später das Singen gelernt. Voraussetzung dafür war der Spaß am Singen. Häufig fehlt nur ein Vertrauen in die Kraft des eigenen kleinen Körpers. Die anderen Kinder können dabei gut helfen. Unser Kinderchor ist in zwei Gruppen, den „kleinen“ und den „großen Kinderchor“ aufgeteilt, insgesamt singen etwa 55 bis 60 Kinder in diesen Gruppen. Alle fangen zunächst im kleinen Kinderchor an. Auch 5-jährige können in diesen Chor kommen, so lange sie eine Dreiviertelstunde einigermaßen ruhig mitmachen. Bei manchen geht das, bei anderen rate ich den Eltern, lieber noch etwas zu warten. In diesem Chor wird fast nur auswendig gesungen, die Älteren bekommen auch mal ein Liederbuch in die Hand gedrückt. Auch viele rhythmische Spielchen, möglichst mit Bewegung, machen wir in diesem Chor (z.B. die „Knopffabrik“). Ich habe festgestellt, dass das rhythmische Empfinden bei vielen Kindern fast noch defizitärer ist als das tonliche. Es ist traurig, dass manche, auch tonlich begabtere Kinder, einen leichten Rhythmus nicht nachklatschen können. Doch auch hier gilt: Nach einer Weile haben sie es alle gelernt.

Zur Aufnahme in den „großen“ Chor gibt es zwei klar formulierte Kriterien: 1. Das Kind muss einen neuen Liedtext fließend lesen können, 2. Das Kind muss den Ton f'' halten können. Damit habe ich die Voraussetzungen, um die anspruchsvolleren Aufgaben des „großen“ Kinderchores angehen zu können. Der große Kinderchor versucht sich sowohl an neueren Liedern (z.B.: Uli Führe: „Jazzkanons“), aber auch an Klassik. Wir haben schon Bach gesungen, Mozarts „Ave verum“, Duruflé's Vater unser, alles aber einstimmig in englischer Tradition, nach der These, wonach es im Kindesalter keine echten Altstimmen gibt. Außerdem ist es natürlich leichter und man kommt schneller zum Erfolgserlebnis.

Es gibt übrigens eine Gruppe im Kinderchor, die nicht lange bleibt. Meist merkt man den Kindern an, dass es Ihnen gar keinen Spaß macht, in einem Kinderchor zu singen. Und wenn sie das nicht wollen, hat es auch keinen Sinn, es zu forcieren. Das sind dann die Kinder, die sonntags nicht zum Gottesdienst kommen, wenn der Kinderchor singt: Denn in der Woche, da schickten die Eltern ihre Kinder zum Kinderchor, damit sie in Ruhe etwas erledigen oder einkaufen konnten, am Sonntag müssten sie extra zur Kirche.

Singen muss etwas mit Selbstbewusstsein zu tun haben. Oder umgekehrt: Singen schafft Selbstbewusstsein. Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig Disziplinprobleme wir in unserem Kinderchor haben. Okay, die Kinder sind lebhaft, das dürfen sie auch zwischendurch sein, wenn sie andererseits auch konzentriert singen. Aber Ärger gibt es zwischen den ganz verschiedenen Kindern nicht. Klassenschranken gibt es in einem Kinderchor ohnehin nicht. Umgekehrt hilft Singen auch bei Angst. Die gesundheitsfördernde Wirkung wurde inzwischen in Tests bewiesen. Ebenso die Intelligenz fördernde und, wie es so schön heißt die „Sozialkompetenz“ fördernde Wirkung. Schon komisch, dass man heute etwas erst glaubt, wenn es „wissenschaftlich erwiesen“ ist.

Früher sangen die Deutschen mehr. Und die verbindende Kraft der Musik haben sich auch die Nationalsozialisten zu Nutze gemacht. Die völkischen Gesänge (z.B. das „Horst Wessel-Lied“) gehörten zum Einheits bildenden Ritual jeder größeren Feier: Die Nazis hatten viel von den Volkskirchen gelernt.

Das brachte nach dem Krieg gemeinschaftliches Singen in Deutschland in den Verruf, Ausdruck anachronistischen Denkens zu sein. Die 68-Revolution tat ein Übriges, um dieses Gedankengut und damit den Gesang als überholt zu kennzeichnen bzw. zu diffamieren. Zudem ist das Singen in Gemeinschaft in einer zunehmend das Individuum fördernden Zeit nicht mehr zeitgemäß. Mannschaftssportarten gelten heute als proletarisch… Große Konzertchöre, die „Singakademien“ gibt es fast nicht mehr. Was im 19. Jahrhundert Ausdruck höchster Bildung war, gilt heute als anachronistische Freizeitbeschäftigung.

Was nun fehlt, ist der Wissenschaftler, der öffentlichkeitswirksam erklärt, dass gemeinschaftliches Singen auch für Erwachsene eine intelligenzfördernde, gesundheitsfördernde und chancenfördernde Wirkung hat. Dann fangen die Menschen vielleicht wieder an, in Chöre zu kommen und in der Kirche mitzusingen.

Gabriel Dessauer

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Üben und Konzentration
oder die Angst des Organisten vor dem Fehler
oder "Vorbeugen ist besser als Bohren"

Das Üben hat in der Pädagogik unserer Zeit in unserem Kulturkreis einen geringen Stellenwert. Es gilt als lästig. Man ist froh, wenn man das Üben nach der Schul- bzw. Studienzeit "hinter sich" hat. In der Schule versuchen Lehrer, das Üben mit möglichst spielerischen Elementen zu verschönern, was im Endeffekt auch nur den Wert des Übens an sich vermindert.

Sind Übungen wie z.B. Klavieretüden wirklich geistlos? Muss das Üben am Instrument als langweilig empfunden werden? Ich bin der Überzeugung, dass durch Änderung der eigenen Meinung vom Wert des Übens das Üben an sich ein wesentlich besseres Ergebnis bringen könnte.

In der westlichen Zivilisation herrscht jedoch die Meinung, dass Arbeit und Konzentration etwas sind, das man tun muss, während Freizeit und Zerstreuung das eigentlich Erstrebenswerte sind. Das mag mit unserem Schulsystem zusammenhängen. Als Schulkind musste man lernen, ob man wollte oder nicht, und ohne Rücksicht darauf, ob man es als für sich förderlich empfand oder nicht. Die Aufteilung Schule und Hausaufgaben=Arbeit und Spiel=Freizeit setzt sich im Berufsleben des Erwachsenen nahtlos fort. Der natürliche Lerntrieb eines Kindes wird zu einem ungünstigen Zeitpunkt in Pflicht umgewandelt, was zu fatalen Ergebnissen führen kann.

Ich bin weder befugt noch in der Lage, an unserem Schulsystern etwas zu ändern. Ich kann nur versuchen, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man wenigstens auf musikalischem Gebiet das Lernen und Üben wieder zum Wert an sich macht. Zum Glück hat sich wohl überall die Erkenntnis durchgesetzt, dass es wenig Sinn hat, einem Kind das Klavier- oder Orgelspielen beizubringen, wenn es das gar nicht möchte. Dass der Druck eines Lehrers "Du musst mehr üben!" sich eher kontraproduktiv sowohl auf den Schüler als auch auf die zu erklingende Musik auswirkt, dürfte sich inzwischen allgemein herumgesprochen haben. Solange die Erwartungshaltung des Lehrers die Bereitschaft des Schülers so sehr übersteigt, dass der nur diese als fragliches Antriebsmittel verspürt, solange wird der Schüler nicht wirklich sich mit Musik beschäftigen wollen. Ein guter Lehrer sollte in der Lage sein, die eigenen Antriebskräfte im Schüler zu wecken. Der Schüler soll in die Lage versetzt werden, "Lust" am Üben zu entwickeln.

Das scheint zunächst schwieriger zu sein, als es ist. Neil Postman erwähnt in seinem empfehlenswerten Buch "Das Verschwinden der Kindheit", dass das Üben eines Werkes nur vordergründig das Üben eines Werkes darstellt. In erster Linie ist es ein Üben des Übens selbst, ein Üben der Konzentrationsfähigkeit, der Geduld und der Gelassenheit. Einerseits ist Konzentrationsfähigkeit die Voraussetzung für erfolgreiches Üben, andererseits ist sie auch Frucht des Übens. Gelassenheit ist wichtige Voraussetzung für die Geduld: Weder ein "ich muss das Stück bis in soundsoviel Tagen schaffen" noch ein "ich will das Stück in soundsoviel Tagen schaffen" sind gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Üben, das sich nur in einer gewissen Selbstvergessenheit und einem Versinken in die Materie einstellt.

Wer sich mit dem Thema "Selbstvergessenheit" und "Mühelosigkeit" näher beschäftigen möchte, dem sei ein kleines Büchlein von Eugen Herrigel empfohlen: "Zen in der Kunst des Bogenschießens". In ihm wird berichtet, wie ein Europäer von einem Zen-Meister 6 Jahre lang im Bogenschießen ausgebildet wird. Viele der Erkenntnisse ließen sich auf Organisten übertragen, wenn auch der dort aufgezeigte Weg unendlich mühsam und langwierig erscheint. Das Nichtwollen wird hier zur Voraussetzung des Gelingens. Worauf es ankommt, ist vielmehr, eine bestimmte innere Haltung einzunehmen. Der Schüler muss das "rechte Warten" lemen, er muss "loskommen von sich selbst, so entschieden sich selbst und all das Seine hinter sich lassen, dass von ihm nichts mehr übrigbleibt als das absichtslose Gespanntsein". Als der Schüler daraufhin den Lehrer fragt: "Und wann beginnen wir mit diesen neuen Übungen?", antwortet dieser, seine Forderung damit schon erfüllend: "Warten Sie, bis es an der Zeit ist". An anderer Stelle schreibt Herrigel: "Zu dieser bedingungslosen Beherrschung der Formen erzieht in der Tat der japanische Unterricht. Einüben, Wiederholen und Wiederholung des Wiederholten sind in fortschreitender Steigerung auf weite Strecken hinaus seine Kennzeichen."

Für jeden Organisten wird es schwierig sein, solche Meditationstechniken direkt auf die Orgel zu übertragen. Aber eine leicht nachzuvollziehende Erkenntnis scheint sich doch auch hier verwirklichen zu lassen. Häufig stellte ich - sowohl an mir selbst als auch an Schülern - die Haltung fest: "Ach, dieser Fehler ist nicht so schlimm, beim nächsten Mal wird's besser", oder aber "diese Stelle schaffe ich nie". Hier scheint mir wichtig zu sein, dass es auch ein "negatives Üben" geben kann: Jede Stelle, die, warum auch immer, falsch gespielt wird, wird so zum Muster. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie auch beim nächsten Mal falsch gespielt wird, denn der Fehler ist schon einmal geübt. Daher erscheint es mir ungünstig, Fehler überhaupt zuzulassen. Ob der Fehler nun seine Ursache in mangelnder Konzentration, mangelnder kognitiver Erkenntnis des richtigen Notentextes oder in mangelnder mechanischer Umsetzung der Finger oder der Füße hat, ist zweitrangig (wie sagt der Zahnarzt doch so treffend:"Vorbeugen ist besser als Bohren").

Der wichtigste Grundsatz beim Üben scheint mir daher zu sein: Übe immer nur das, was Du kannst. Das mag am Anfang ganz wenig sein und das auch nur ganz langsam, aber es wird sich steigern. Zuerst übt man vielleicht nur eine Hand, vielleicht auch beide Hände, das aber wirklich so langsam, dass kein Fehler passieren kann. Es kommt nicht nur darauf an, dass kein Fehler auftritt, sondern dass man vorher weiß, dass kein Fehler auftreten kann. Dann kann man sich beim Üben nämlich wirklich wirklich auf das "Üben" konzentrieren und muss nicht in ständiger Hut vor einem Fehler sein. Diese Angst vor einem Fehler würde sich ansonsten unweigerlich in einem Fehler äußern.

Es kommt darauf an, dass man sich beim Üben wohlfühlt. Wenn man sich anstrengen muss, das Werk fehlerfrei zu spielen, fühlt man sich selbst nicht wohl, kann demnach auch nicht sich selbst zuhören. Zum Schluss hört man auch der Musik an, ob sie das Ergebnis selbstvergessenen Übens oder einer großen Anstrengung ist.

Das Verfahren, grundsätzlich nur mühelos und auf alle Fälle fehlerfrei zu üben, lässt sich auch mit westlicher Psychologie erklären: Jeder Fehler schafft ein, wenn auch kleines, Frustrationserlebnis. Jede richtige Übung verschafft ein Erfolgserlebnis. Und nur Erfolgserlebnisse geben die Kraft zum weiteren Arbeiten, während jedes Frustrationserlebnis nur die Konzentration durch Zweifel am eigenen Tun stört.

Als ich selbst zum erstenmal ein Stück nach diesem Grundsatz übte, war ich zunächst erschrocken, wie wenig ich wirklich kann. Nach einer Weile fing mir diese Art des Übens an, Freude zu machen, da ich merkte, dass auch in mir selbst ein eine erstaunliche Ruhe einkehrte. Nach ein paar Wochen spielte ich das Werk zwar schon zusammen, aber immer noch in einem atemberaubend langsamen Tempo. Aber ich merkte, dass ich es einfach nicht schneller konnte, ohne dabei meine Ruhe zu verlieren. Irgendetwas in mir weigerte sich, das Stück schneller zu spielen. So musste ich noch einige Zeit warten, in der ich das Stück aber viel besser kennenlernen konnte, da ich Zeit hatte, mir selbst zuzuhören und quasi in Zeitlupe Gedanken über die Interpretation machen konnte. Nach einer Weile stellte sich dann das richtige Tempo von selbst ein, ohne dass ich vorher das Werk „auf Tempo“ bringen musste.

Im Orgelunterricht versuche ich seitdem, meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass es mir egal ist, wieviel Stoff sie zur Unterrichtsstunde mitbringen, Hauptsache, es ist fehlerlos und sie fühlen sich wohl dabei. Bisweilen hat das auch zum Erfolg geführt. Aber ich merke, auch an mir, dass sich alte Lerngewohnheiten nur schwer ändern lassen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote über Karl Straube, einen der bedeutendsten Orgellehrer unseres Landes: Er verlangte grundsätzlich, dass seine Schüler ein Stück dreimal hintereinander fehlerlos spielen konnten. Als nun ein Student Fantasie und Fuge g-moll von Bach nicht so konnte - wie Straube das wollte, wurde er immer wieder nach Hause geschickt. Endlich brachte er es fertig, das Stück dreimal hintereinander fehlerlos zu spielen. Als er ganz glücklich zu Straube hinschaute, bemerkte der nur trocken. "Nächste Woche noch einmal" , worauf der Student empört entgegnete, er habe doch keinen Fehler gemacht. Darauf Straube trocken: „Ja, aber fast.“

Gabriel Dessauer

Weiterführende Literatur

  • Otto Friedrich Bollnow: Vom Geist des Übens. Rothenhäusler ISBN 3-85768-059-8
  • Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens. Otto Wilhelm Barth Verlag
  • Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. S. Fischer

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Geständnisse eines Romantikers

Kürzlich konnte man folgende Glosse in der FAZ finden: Ein potentieller Käufer kommt in einen CD-Laden und möchte ein Bach-Oratorium kaufen, „aber so richtig mit symphonischem Klang und fülligen Streichersound, nicht so diese flachbrüstigen, fiepsigen Rennspiele ohne jegliches Vibrato“. Der Verkäufer blickt ihn entsetzt an, nimmt ihn zur Seite und klärt ihn auf, dass heute nur noch die „historische Aufführungspraxis“ bestehen könne und das Recht habe als alleinseligmachend anerkannt zu werden. Alles andere sei verwerflich.

Rückblick: Als Kind gehörte zum Karfreitagsritual, dass mein Vater mich ins Wohnzimmer nahm und mit mir gemeinsam in aller Ruhe die gesamte Matthäus-Passion anhörte auf Schallplatten aus seiner Jugend: Natürlich Schellack-Platten mit 78 Umdrehungen, insgesamt 42 Seiten à etwa 5 Minuten. Es rauschte und kratzte. Die Aufnahme war aus den Zwanziger Jahren mit dem Bruno-Kittelschen Chor aus Berlin. Bach dramatisch, ganz in der Nachfolge von Brahms. Ich konnte die Passion innerlich spüren. Später wurde ich in die Aufführungen des Münchener Bach-Chores unter der Leitung von Karl Richter mitgenommen, ein Erlebnis, das sich tief eingeprägt hat. Auch hier: Bei den Blitzen und Donnern erbebte der Saal, die große Orgel spielte Tutti – ich konnte die Blitze nachgerade sehen.

So war es für mich keine große Frage, dass ich später als Student der Kirchenmusik auch in diesem Chor mitsingen wollte. Doch schon die Erwähnung des Chores und seines Leiters unter Studenten erzeugte allgemein Unverständnis: Wie kann man nur in einem so altmodischen Chor mitsingen! Und obwohl der Chor in der Musikhochschule probte, konnte man die Zahl der darin aktiven Musikstudenten an einer Hand abzählen, außer mir war überhaupt nur ein anderer Kirchenmusiker dabei, Friedemann Winklhofer.

Und obwohl ich nie bei ihm Unterricht hatte, möchte ich Karl Richter als meinen wichtigsten Lehrer bezeichnen: Ich habe ihn als einen authentischen Musiker erlebt, der Musik gestaltet, bisweilen ausgestaltet und die Musik Bachs mit Leben erfüllt hat. Durch ihn habe ich auch Reger kennen- und verstehen gelernt. Als direkt aus der Straube-Ramin-Schule kommend war Richter mit seinem Werk vertraut und sein Interpretationsansatz auch hier nicht nur glaubwürdig, sondern auch überzeugend und bewegend.

In diesen 70-ger Jahren wurde die sogenannte „historische Aufführungspraxis“ salonfähig und „in“. Nikolaus Harnoncourt wurde zu Gastvorträgen eingeladen, Gustav Leonhardt spielte Cembalo in riesigen Konzertsälen, Frans Brüggen begeisterte mit atemberaubenden Tempi, Joshua Rifkin führte die h-moll Messe in Minimalbesetzung praktisch nur mit Solisten auf, und beim ARD-Orgelwettbewerb 1979 spielten alle drei Finalisten die Passacaglia in einer vergleichsweise kleinen Kirche von vorne bis hinten im organo pleno. Für die meisten eine Entdeckung: Das ist entschlackter Bach! Eine Art „zurück zur Natur“-Bewegung. Weg mit allem romantischen Überfluss! Die Bauhaus-Kultur hatte endlich auch die Musik erreicht, doch ich empfand anschließend den vor der Kirche brodelnden Autoverkehr als wohltuend leise.

In der Folgezeit konnte ich mich dem Historismus-Boom nicht lange entziehen, war schließlich jung und wollte nicht gleich „out of fashion“ sein. Ich fing an, auf der Orgel non legato zu spielen, das Legato praktisch nur noch als Ausnahme zu sehen, „ordentliches Fortgehen“ hieß nun die Devise. Mit dem Reger-Chor führte ich Bach-Kantaten in einem Eiltempo auf, das mir beim heutigen Anhören viel zu schnell vorkommt.

Ich habe mich redlich bemüht, mich mit den Forderungen der „historischen Aufführungspraxis“ anzufreunden, kam jedoch mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass das nicht mein Ding ist. Keine Frage: Historische Aufführungspraxis macht Spaß, allein schon durch das luftig federnde Ergebnis. Aber in mir verfestigte sich der Eindruck, dass mit der Geschwindigkeit und der Leichtigkeit auch ein Stück des Inhaltes verloren geht. Musik ist nicht nur „light“ und elegant, wie uns die Werbung suggeriert. Es besteht, die Gefahr, an einer Oberfläche hängen zu bleiben, ohne bis zu den Inhalten vorzustoßen.

Das Originelle ist ja: Als Richter in den 50ziger Jahren in München anfing, galt sein Stil als revolutionär, leicht und antisinfonisch. Wenige Jahre vorher hatte sein Lehrer Straube den schönen Spruch geprägt: „Früher spielten wir Bach schön, heute spielen wir ihn richtig.“ Damit bezog er sich wohl darauf, dass er nun nicht mehr in den Orgelwerken einzelne Mittelstimmen auf einem anderen Manual hervorhob. Gleichwohl steigerte er Bachsche Werke in deren Verlauf vom piano zum forte – in der vollen Überzeugung, nunmehr historisch korrekt zu sein. Heute wird seine Interpretationsauffassung belächelt.

Vielleicht belächelt die nächste Generation schon unsere Interpretationsauffassung?

Historismus ist kein musikalisches Phänomen. Kunstgeschichtlich könnte man ein erstes Interesse an der Kunst der Vorfahren in der klassizistischen Architektur des 18. Jahrhunderts sehen. Reisen bedeutender Architekten und bildender Künstler nach Italien wurden Mode, Salzburg als nördlichste „italienische“ Stadt legt heute noch Zeugnis davon ab. Es folgte die Wiederentdeckung der Gotik im 19. Jahrhundert: Neben der Vollendung einiger mittelalterlicher gotischer Kathedralen (Köln, Ulm) wurde die Neugotik als Kopie auch bei Neubauten stilbildend, eigene künstlerische Ideen standen dagegen zurück.

In der Musik äußerte sich der Historismus darin, dass fortan das Hauptaugenmerk der Musikwelt nicht mehr auf der Darstellung der neuesten Musik lag – Mahler war wohl der letzte Komponist, bei dem die jeweils neueste Sinfonie mit Spannung erwartet wurde - , sondern das Interesse sich nun längst vergangenen Komponisten und ihren Werken zuwendete. Den Startschuss dazu hatte Felix Mendelssohn mit der Wiederentdeckung Bachs gegeben.

So war es folgerichtig, dass nach Jahrhunderten einer kontinuierlichen Entwicklung der Musik insbesondere in der Harmonik die Krise auch die Musik erreichen sollte. Der stilistische Bruch mit der Gegenwart, wie man ihn in der bildenden Kunst, der Architektur und der Musikkomposition zu Beginn des 20. Jahrhunderts beobachten konnte, musste auch in der Praxis der Musikausübung früher oder später zu einer Neuorientierung führen:

Dies hatte kathartische Wirkung. Die Ablehnung einer Interpretationskontinuität war die unausweichliche Folge. Damit einher geht die Ablehnung des Schönheitsideals der Vätergeneration. Diese Ablehnung ist zunächst oft vehement (wobei wir wieder beim eingangs zitierten CD-Verkäufer sind, oder bei Robert Gernhardt: „Die größten Feinde der Elche waren früher selber welche“), wandelt sich später in eine neue Toleranz dieser Epoche und endet schließlich in der Neuentdeckungsphase der Kunst der Großväter: Das allgemeine Interesse an Karl Richter ist in den letzten Jahren, wie sich anhand von Wiederveröffentlichungen unschwer ablesen lässt, erheblich gestiegen.

Der eingangs zitierte CD-Verkäufer wird feststellen, dass sich die Bach-Interpretation in den letzten Jahren wieder etwas gewandelt hat. Romantische Aufführungstraditionen werden nicht mehr per se als falsch anerkannt, Tempo ist nicht mehr Qualitätsmerkmal an sich. Die Wiederentdeckung alter Spieltechniken kann durch ihre behutsame Integration in tradierte Aufführungsmuster zu einer wirklichen Belebung der Musik beitragen. Gerade in den letzten Jahren entstehen neue Aufnahmen Bachscher Werke, die sowohl musikhistorischen Ansprüchen genügen als auch romantischen Ausdruck zulassen.

Vielfach ist heute einfach nicht mehr bekannt, wie Bach vor 50 oder mehr Jahren interpretiert wurde. Oder wie Bach auch heute noch subjektiv gedeutet werden kann. Daher möchte ich schließen mit einigen typischen Musikbeispielen:

Da ist zunächst der Eingangschor der Matthäuspassion in einer Aufführung vom Palmsonntag 1939 in Amsterdam mit dem Concertgebouw-Orchester und-Chor unter Willem Mengelberg. Kennengelernt habe ich dieses Tondokument durch den wohl wichtigsten Musikhistoriker auf dem Feld der Gregorianik: Godehard Joppich berichtete von diesem Tondokument im Gregorianik-Unterricht und führte es als Beleg gegen die rhythmisch festgelegte Singweise der Gregorianik vor. Er betrachtete den Ansatz Mengelbergs als direkte Fortsetzung der nur von Akzenten und Wellen getragenen mittelalterlichen Aufführungspraxis, die sich gegen ein schematisches Taktmuster wehrt. Tatsächlich habe ich dieses Werk weder früher noch später jemals wieder so gehört. Man hört den Sängern das „Klagen“ an. Diese Aufnahme ist übrigens auch wegen des Evangelisten Karl Erb höchst hörenswert: Er gestaltet den Evangelisten in einer für unsere Ohren zwar gewöhnungsbedürftigen, etwas theatralisch anmutenden, aber nichtsdestotrotz höchst persönlichen, berührenden Art. Des weiteren bewegt mich bei dieser Aufnahme das Wissen, dass nur wenige Monate später das Land, aus dem der Komponist stammte, das Land, aus dem die Sänger stammten, im 2. Weltkrieg überfallen sollte.

Das selbe Werk 40 Jahre später: Ich habe bei dieser Aufnahme selbst mitgesungen und kann mich noch erinnern an die Stimmung, die im Münchener Herkulessaal herrschte: Richter selbst blickte die Sänger durch die dicken Gläser seiner Brille mit großen Augen an, dirigierte mit kleinsten Bewegungen, dafür mit einer spürbaren inneren Anteilnahme. Da ging es um Tod und Leben. Alle Musiker waren in diesem Moment in der Musik drin – es spielte keine Rolle, dass diese Fassung die langsamste überhaupt werden sollte. (Nicolaus Harnoncourt hatte mit diesem Eingangschor in seiner ersten Aufnahme die Antithese formuliert: Nichts weniger als ein Schock: Das „Klagen“ als Siciliano-Tanz. Faszinierend. Doch schon in der zweiten Fassung geht der gleiche Dirigent weit hinter seinen eigenen These zurück.)

In den USA hat 1991 noch kurz vor seinem Tod ein bedeutender Chordirigent, Robert Shaw aus Atlanta eine überzeugende Darstellung der h-moll Messe produziert. Er hielt sich für einen Vertreter einer historischen Aufführungspraxis und befolgte alle Anweisungen. Die Themenköpfe von Chorfugen werden schon von Solisten gesungen, aber die Tempi ruhen in sich selbst, kein sportlicher Ehrgeiz scheint diesen Mann zu kümmern.

Pierre Cochereau, von 1955 bis 1984 Organist an Notre Dame in Paris, spielte 1962 Bachs Fantasie und Fuge g-moll ein. Atemberaubend gemütlich, vollständig legato – nicht einmal – horribile dictu! - den Auftakt setzt er ab. Aber unvoreingenommen gehört klingt Bach dennoch frisch und überzeugend in einem nicht zu leugnenden Drive.

Die Beschäftigung mit historischen Interpretationsansätzen kann eine große Bereicherung für die Definition des eigenen Standpunktes werden. Die Bandbreite überzeugender Darbietungen ist groß, die „Entdeckung der Langsamkeit“ eine mögliche Folge.

Eine frühere Mitkommilitonin - sie spielt jetzt beruflich Geige und spielt auch Barockmusik in einem Ensemble, allerdings auf modernem Instrumentarium - gestand mir auf meine Frage, ob sie denn in historischer Aufführungspraxis spielten, in einem entwaffnenden schwäbischen Akzent: „Weischt, wir schreiben ‚historisch informiert’ in unsere Programmhefte, damit können wir uns alles erlauben!“.

September 2007, Gabriel Dessauer

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Üben mit Kindern

„Wenn die Nahrung, die wir den Kindern geben, so schlecht wäre wie die Musik, die wir ihnen zumuten, dann wären sie schon lange nicht mehr am Leben.“ (Zoltán Kodály)

Das Heft, das Sie, geneigter Leser, oder geneigte Leserin in der Hand haben, geht über das „Üben“. So sah es der Arbeitsauftrag vor. Als wir in der Redaktionssitzung die Artikel verteilten, schnappte mir Konstanze den Artikel weg, den ich eigentlich schreiben wollte. „Also gut, dann schreibe ich über Kinder“.

Doch während man im Chorleitungsunterricht im Studium viel über Pädagogik im gemischten Chor gelernt hat und sogar Klavierpädagogik als eigenes Fach belegen musste, hatte ich nie etwas über die Arbeit mit Kindern und speziell Kinderchorleitung gelernt. Meine nachfolgenden Gedanken basieren auf Erfahrung, sind subjektiv, möglicherweise nicht mal gut übertragbar und vor allem nicht wissenschaftlich belegt. Dabei wird doch gerade darauf heute so viel Wert gelegt.

Denn heute „boomen“ Kinderchöre allenthalben. Eltern haben gelesen, dass ihre Kinder nicht nur musikalisch werden, wenn sie im Chor selbst singen, sondern sozial kompetent. Und dass Singen die Intelligenz an sich wesentlich fördert. Das ist jetzt wissenschaftlich erwiesen. Uns, die wir seit langem Musik machen, war das schon immer klar, dazu brauchten wir keinen Prof. Bastian, der uns das empirisch belegt.

Aber auf einmal entdecken Eltern das Singen und schicken ihre Kinder z.B. in meinen Chor. Ob diese wollen oder nicht. Meistens entdecken die Kinder da tatsächlich, dass Singen Spaß macht. Aber es gibt auch manche, die gerne im Chor Quatsch machen. Ich sehe wenig Sinn darin, diese Kinder anzubrüllen. Ich sage dann bisweilen: „Du, die anderen und ich, wir wollen hier singen. Wenn Du das nicht willst, warum bist Du hier? Wenn Du spielen willst, dann tu das doch, aber bitte nicht jetzt und hier, hier stört das nur“. Bisweilen kommt dann die Antwort: „Meine Mama hat gesagt, ich soll hier singen“. Die meisten Kinder wollen dann doch bleiben. Aber wenn sie es partout nicht wollen, dann soll man sie nicht zwingen.

Bei näheren Nachfragen (im persönlichen Gespräch) stellt sich später oft heraus, dass die Eltern nie mit ihrem Kind gesungen haben. Dann knöpfe ich gerne mir die Eltern vor, um ihnen klarzumachen, dass das Vormachen auch beim Singen einfach das Wichtigste ist. Ein Kind lernt schließlich auch das Sprechen dadurch, dass die Eltern mit ihm sprechen. Wie soll es singen lernen, wenn die Eltern nicht mit ihm singen? Ganz besonders selten hören Kinder ihre Väter singen. Diese nehmen sich meist am wenigsten Zeit mit ihrem Kind z.B. abends am Bett zu singen. Ist Singen in unserer Gesellschaft nicht „männlich“ genug? Kein Wunder, dass es in unseren Kinderchören immer mehr Mädchen als Jungen gibt. Da gibt es kein Vorbild, das sie nachahmen könnten.

1. Disziplin – Autorität – Strenge – Freundlichkeit – Kinder ernst nehmen

Kinder finden Lernen an sich nichts Negatives, ein Stadium, das möglichst zügig überwunden werden müsse. Im Gegenteil: Sie sind von Natur aus lernbegierig, wollen ja (wie bei der Sprache) auf den Stand der Erwachsenen kommen und sind dafür bereit und willens, auch ein Lernstadium zu durchschreiten. Und natürlich sind sie dazu auch fähig.

Leonie war 4 Jahre alt, als ihr Großvater sie zu uns brachte, sie wolle gerne singen. Es war kurz vor einem Konzert, ich wollte den Kindern Disziplin beibringen und ihnen klarmachen, dass es wichtig ist, während eines Liedes still zu stehen und sich nicht zu kratzen, Nase zu bohren, Haare zu kämmen, sonst wie mit den Armen zu fuchteln und in der Gegend herumzustarren. Sie sollten lernen, mit den Augen nur zu mir zu schauen und die Arme ruhig hängen zu lassen. Die etwas schüchterne Leonie tat mir etwas leid, dass sie ausgerechnet in dieser Phase, wo ich mit den Kindern dies übte, dazu kam. Doch ein paar Tage später schrieb mir der Großvater: Ja, Leonie wolle wiederkommen. Der Mann sei zwar streng, aber das gefiele ihr.

Ich werde selten streng zu den Kids. Meistens warne ich sie vor, dass ich in den nächsten Wochen strenger als sonst sein werde, wenn ich sie fit brauche. Das verstehen sie dann auch.: „Bist Du danach wieder normal?“ Ja, oft schon direkt nach der Probe. Beide Teile strengen sich dann an, sowohl die Kinder als auch der Chorleiter. Es gibt auch andere Phasen, wo der Chorleiter dann auch mal Späße mitmacht. Ich mag meine Kinder, und sie hoffentlich mich auch. Ich nehme sie ernst, sie nehmen mich auch ernst, weil sie wissen, dass ich sie als Menschen respektiere, so, wie sie im Moment sind. Dann kann ich sie auch beschimpfen: „Ihr Einwegflaschen!“, wenn sie wissen und spüren, dass das nur musikalisch gemeint ist und auch wieder aufgehoben wird. Sie sollen spüren, dass ich mich ärgere, wenn sie Mist singen, aber auch freue und stolz bin auf sie, wenn sie gut singen. Das zeige ich ihnen dann auch.

Als ich vor 27 Jahren in St. Bonifatius mit meiner Arbeit als Kantor anfing, hatte ich genau 7 Kinder im Kinderchor (heute sind es 70 in zwei Chören). Sie kamen alle aus guten, traditionsgeprägten Verhältnissen. Man sang ausschließlich neues geistliches Lied „(Gott, mein Gott, ich suche dich, schaue nach dir aus“, „Alle Knospen springen auf“) von nicht allzu großer theologischer Aussagekraft. Schwungvoll sollten die Lieder sein und rhythmisch einprägsam .Die Kinder taten es ein paar Jahre lang, dann verließen sie den Chor und kamen meist nicht wieder. Jahrelang dümpelte der Kinderchor so vor sich hin, eine Änderung trat erst ein, als ich selber Vater wurde.

2. Musik für Kinder und Qualität

Aber es sollte noch lange dauern, bis ich auch merkte, dass Kinder Qualität brauchen. Dabei liegt es auf der Hand: Wie sollen Kinder zu einer guten Musik erzogen werden, wenn sie nur gut gemeinte Texte, nicht immer phantasievolle Melodien, versetzt mit einigen kecken Synkopen, vorgesetzt bekommen? Alles das außerdem meist zu tief gesetzt. Es musste alles spielerisch sein. Der musikalische Wortschatz eines Kindes kann sich nur entwickeln, wenn man ihm auch etwas Anspruchsvolles zu knabbern gibt. Seichte Texte sind auch für Kinder seicht („…ist wie Gras und Ufer…“, weitere Beispiele kennt jeder von uns).

Die bekannte Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich wurde vor einigen Monaten in der FAZ zum Thema Musikerziehung befragt. Hier einige Antworten:

„In der Musikpädagogik sehe ich noch diese Tendenz zur Verharmlosung von Ansprüchen: als müsste man die Kindheit verteidigen als ein Reservat, einen Freizeitpark, verschont vom Ernst des Lebens. Was in die Richtung von Ansprüchen geht, wird mit Entfremdung oder Drill gleichgesetzt. Dadurch wird den Kindern viel vorenthalten.

Für die Reduzierung von Musik auf Wellness-Klänge braucht man keine Musikerziehung. Das ist sowieso schon vorhanden. Von allen Seiten strömen Klingeltöne auf Kinder ein. Auch dieses verlegene Hochspielen von Klängen oder bloßer Geräuscherzeugung zur Musik, das man in Kindergärten und Schulen beobachten kann, banalisiert die Musik und die Kinder.

Man traut den Kindern zu Unrecht nicht zu, dass sie etwas suchen, das größer ist als sie selbst. Wenn man Kinder genau beobachtet, sieht man, wie sie sich anstrengen wollen, wie das Nichtwissen, Nichtkönnen ihnen fast weh tut und wie sie ihre Sinneseindrücke immer steigern wollen.

Ein schlechter Operndirektor wird bald davongejagt, aber ein schlechter Dorfschullehrer kann dreißig Jahre lang in Tausenden von Kindern die Liebe zur Musik abtöten (Zitat Z. Kodály).“

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Nicht nur unterfordern wir die Kinder, sondern wir geben ihnen keine Möglichkeit, gute Musik überhaupt kennen zu lernen. Wie sollen sie mal eine Beethoven-Sinfonie schön finden, wenn sie bis dahin nur Rolf Zuckowski oder Ludger Edelkötter kennen? Wie sollen sie ein altes Kirchenlied schätzen lernen, wenn sie bis dahin nur NGL kennengelernt haben. Es liegt auf der Hand, dass sie sich dann nicht in einer normalen Kirchengemeinde wohl fühlen. Meines Erachtens kann die Lösung nur heißen, auch Kindern schon Musik vorzusetzen, die sie vielleicht noch nicht ganz verstehen können, aber deren Gehalt sie durchaus schon erahnen können.

Daher singe ich mit unserem großen Kinderchor gerne Bach, Mozart, Mendelssohn usw., aber auch neuere englische Chormusik, die speziell für Knabenchöre geschrieben ist. Eine wahre Fundgrube ist die Musik von Bach. In seinen Kantaten gibt es Arien, die Kinder sehr gerne singen. Z.B. die Arie „Mein freudiges Herze“ aus der Kantate 68, oder das Duett „Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten“ aus der Kantate 78. Im bekannten Choralvorspiel „Wachet auf“ lässt sich der Cantus firmus gut mit einem Kinderchor besetzen (so die Kinder ein g’’ schaffen, das aber bei trainierten Kindern kein Problem ist), ebenso das „Jesu bleibet meine Freude“ aus der Kantate 147. Mozarts „Ave verum“ von Kindern gesungen und auf der Orgel begleitet klingt ebenso schön wie die einstimmigen Werke von Rutter oder Chilcott.

3. Praktische Tipps

a) Getrennt oder gemeinsam?
Neuerdings taucht die Frage wieder vermehrt auf, ob man nicht doch Mädchen und Jungen häufiger trennen sollte, beispielsweise auch in Chören. Jungen lernen nun mal anders als Mädchen, und leider ist das Singen in Chören für Jungen längst nicht so beliebt wie für Mädchen. Bei uns in Wiesbaden geht es (noch) zusammen, die Jungen brauchen keine Extra-Förderung, obwohl sie natürlich tatsächlich unruhiger sind. Bisweilen können sie das durch größere punktuelle Begeisterung ausgleichen.

b) Brummer
Zunächst: Weder können die Kinder etwas dafür, noch sind sie unmusikalisch. Meist haben die Eltern einfach nicht mit ihnen gesungen, die Kinder bringen nicht genügend Körperspannung auf. Sagen Sie dem Kind: „Das wird schon, musst halt noch üben. Singen ist wie Fahrradfahren: man muss es üben, üben, üben. Aber irgendwann mal kann es jeder“. Vielleicht haben Sie ein erfahrenes Kind im Chor, das es auch anfangs nicht konnte. Strahlen Sie gegenüber dem Brummer die berechtigte Zuversicht aus, dass er/sie es auch bald schaffen wird. Ein nicht-singen-könnendes Kind gibt es definitiv nicht, es sei denn, es liegt eine organische Störung vor. Ermutigen Sie die Eltern, mit den Kindern mehr zu singen!

Ihre Aufgabe als Chorleiter ist es nun, die richtige Balance zu finden, dass das Kind einerseits nicht frustriert wird und den Chor verlässt, weil es die Töne (noch) nicht trifft, andererseits aber es ihm egal ist, wenn es falsch singt. Sie müssen ihm klarmachen, dass der Ton nicht richtig ist. Das aber auf eine so aufbauende Weise, dass das Kind alles dransetzt, die Töne richtig zu singen. Vielleicht hat das Kind Rhythmusübungen gut gemacht, für die man es loben kann. Oder Sie sagen: „Klasse, jetzt kommst Du schon viel höher als letzte Woche! Siehst Du, das wird!“ Im Endeffekt können Sie das Kind von Ton zu Ton hochziehen. Wichtig: Singen Sie einen nachzusingenden Ton nicht selbst vor, lassen Sie das lieber das Nachbarskind machen (bitte nicht immer das gleiche Vorzeigekind, sondern eines, das sich durch das Vorsingen-dürfen besonders geehrt fühlen soll. Und wenn das Brummerkind dann mal ein d’’ oder ein f’’ geschafft hat, dann ist aber Applaus durch den restlichen Chor angesagt!

c) Rhythmus
Es ist immer wieder erschreckend, wie schwer sich Kinder mit Rhythmen tun. Selbst Kinder, die gut singen können, können manchmal nicht mal einen leichten Rhythmus nachklatschen. Daher: machen Sie Rhythmusübungen, die Sie vorklatschen und die die Kinder nachklatschen sollen. Wenn es das Kind nicht geschafft hat, sagen Sie irgendwas aufbauendes, z.B., „na, das nächste Mal schaffst Du das sicher“. Sprechspiele sind auch etwas Schönes, z.B. um Pausen zu spüren, was Kinder erst mal gar nicht gerne aushalten. Meine Kinder lieben die „Knopffabrik“, zu der sie sich auch noch bewegen können:

Nur sinnvoll als Abschluss einer Stunde, danach sind die Kinder zu fröhlich. Ist aber nur bis etwa 9 Jahre geeignet. Für ältere Kinder empfehlen sich z.B. „body-percussion“ Übungen, wo die Kinder nicht nur klatschen, sondern z.B. sich auch auf die Brust oder den Po klopfen, trampeln, oder Lautgeräusche von sich geben. Alles natürlich in einem festgelegten, wiederkehrenden Rhythmus. Da können tolle Gebilde entstehen, wenn man das dann z.B. als Kanon macht.

d) Wenn Sie ein Mann sind:
Bitte unterschätzen Sie nicht die Schwierigkeit, Ihre Stimme oktaviert nachzusingen. Wenn Kinder das nicht aus dem Elternhaus gewohnt sind, werden sie immer versuchen, den Ton in der tiefen Männerlage nachzuahmen. Wenn Sie den Eindruck haben, ein (neues) Kind hat damit Schwierigkeiten, lassen Sie den Ton auch von einem anderen Kind singen. D.h. Sie singen den Ton, dann ein anderes Kind, dann das neue Kind. So lernt es die Übersetzung.

e) Allein singen
Von unseren Erwachsenen kennen wir das: Sobald sie allein singen sollen, haben sie einen Kloß im Hals, sind „erkältet“ oder wollen sich sonst wie drücken. Das ist der einzige Punkt, wo ich kein Pardon kenne. Wenn ein Kind beim Kinderchor bleiben will, dann muss es da durch, wenn auch nicht gleich in der ersten Probe. Denn ob ein Kind wirklich mit vollem Körpereinsatz dabei ist, können Sie als Chorleiter nur feststellen, wenn das Kind allein singt. Also fangen Sie an mit leichtesten Übungen, und sei es ein einziger Ton. Loben Sie danach auf alle Fälle das Kind dafür, selbst wenn das Ergebnis nicht so toll war. Wenn das Kind sich einmal überwunden hat und keinen Schiffbruch dabei erlitten hat, dann wird es Selbstvertrauen gewinnen. Sollte es bei einer solchen Übung dazu kommen, dass irgendein anderes Kind darüber lacht oder eine abfällige Bemerkung macht, dann ist das eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich ziemlich sauer reagiere und dem Kind klarmache, dass ich das nicht wünsche und dass es das bitte zu unterlassen hat: Ich erkläre das dann auch nicht groß, sondern werde einfach nur streng. Und das ist so selten, dass dieses Kind es dann meistens nicht mehr tut.

f) multitasking
Ebenso häufig wie fälschlicher Weise wird uns Männern nachgesagt, wir seien nicht multitasking-fähig. Diese Fähigkeit brauchen Sie als Leiter eines Kinderchores auf alle Fälle. Schon bei Erwachsenenchören gilt: Das wichtigste Kapital des Chorleiters ist die ihm von seinen Chormitgliedern zur Verfügung gestellte Zeit. Dies gilt in verstärktem Maße für Kinderchöre. Kinder haben eine schnellere Auffassungsgabe. Und nichts ist kontraproduktiver als Kinder zu langweilen. Halten Sie die Kinder immer auf Trab. Sofort nach dem Ende eines Liedes sollte knapp und klar Ihre nächste Anweisung kommen. Wenn Sie nur ein paar Sekunden überlegen, sind die Kinder wieder unterfordert und fangen verständlicher Weise zu reden oder zu spielen an. Das ist insbesondere für den Chorleiter anstrengend, denn er/sie muss sowohl zuhören als auch schon überlegen, was als nächstes folgt. Sollte es dennoch einmal während eines Liedes zu einer Störung kommen, lassen Sie sich nicht aus dem Konzept bringen, ermahnen Sie nicht langatmig ein Kind, während die anderen sich langweilen: Geben Sie während des Singens dem Kind zu verstehen, was Sie erwarten.

g) Vorbereitung
Die Kinder können erwarten, dass Sie vorbereitet sind. Sie sollten möglichst immer in der Lage sein, sich auf die Kinder zu konzentrieren. Haben Sie sie immer im Blick, schauen Sie so wenig wie möglich selbst in die Noten oder auf die Tasten Ihres Instrumentes. Die Disziplin, die Sie von den Kindern fordern, sollten Sie auch selbst beherrschen.

h) einstimmig oder mehrstimmig
Kindern fällt es zunächst schwer, mehrstimmig zu singen. Das kann aber leicht mit Kanons geübt werden. Und wenn die Kinder „geteilt“ werden, dann kann man das auch variieren: Man zählt die Kinder durch „1,2,1,2,1,2“ – dann sind die Kinder schon gemischt und lernen ihre eigene Stimme selbstständiger zu singen, das ist schon eine Herausforderung.
Hemmungen habe ich bei dem in Deutschland üblichen Teilen der Kinder nach Sopran und Alt. In der gesamten angelsächsischen Tradition ist es seit Jahrhunderten üblich, dass Kinder (Knaben) ausschließlich den Sopran singen. Die dahinter stehende Theorie lautet: Für die gesunde Kinderstimme ist die Altlage zu tief. Der Alt wird von falsettierenden Männerstimmen gesungen. Ich halte diese Theorie für richtig. Auch Karl Straube nahm nur solche Kinder in den Thomanerchor auf, die eine gute Sopranstimme hatten. Ich lasse daher meine Kinder bei klassischen Werken nur die Sopranstimme singen.

Unsere Aufgabe ist es, die Freude, die wir selbst mit Musik empfangen haben und empfinden, auszudrücken und an die nächste Generation weiterzugeben. Wenn Sie Spaß mit der Musik und den Kindern haben, werden die Kinder auch Freude am Singen und an guter Musik haben.

August 2008, Gabriel Dessauer.

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Digitalorgel als Übeinstrument?
Oder: Ja, auch ich habe eine Gummipuppe

In der Fachwelt sind die elektronischen oder Digitalorgeln (im folgenden „DO“ genannt) immer noch umstritten. Manche Kritiker nennen sie verächtlich „Elektronium“, als würde man diesen Fabrikerzeugnissen mit dem Begriff „Orgel“ schon eine Art Weihe verleihen: Nur die Pfeifenorgel („PO“) soll sich Orgel nennen dürfen. Umgekehrt kontern die Hersteller, indem sie in ihren vollmundigen Werbesprüchen den Begriff „digital“ zunehmend durch „virtuell“ ersetzen.

Der Beitrag soll versuchen, Vor- und Nachteile einer Digitalorgel zu erörtern.

Gerne würde ich einen Pfeifenorgelfreak mal fragen, ob er Orgelmusik tatsächlich nur in der Kirche hört. Denn in dem Moment, wo er die Orgel vom CD-Spieler hört, hat er ja die gleiche Tonerzeugung wie bei der DO: Der Ton kommt aus einigen wenigen Lautsprechern. Es ist das akustische Abbild eines Tones, nicht die Pfeifenorgel selbst, die da in seinem Wohnzimmer tönt. Bei einer neuzeitlichen DO werden die Töne der einzelnen Register gesampelt (gesammelt) und sind später abrufbar. Es gibt sogar eine Firma, wo Sie sich die Klänge mehrerer Orgeln über Computer einspielen lassen können. Jede einzelne Pfeife wird mit der software „Hauptwerk“ gesampelt. Sie könnten dann Bach auf einer „Silbermann“ -Orgel und Widor auf einer „Cavaille-Coll“ -Orgel spielen. Das Ergebnis soll akustisch alle anderen Systeme in den Schatten stellen. Entscheidend ist hier nur noch die Qualität des Verstärkers und die Größe der Lautsprecher. Allerdings sollte man eine gehörige Portion Computerwissen und eine gewisse Spielleidenschaft mitbringen.

Der entscheidende Unterschied wird immer die Art der Klangerzeugung bleiben: Bei Pfeifen schwingen ganze Pfeifen und vor allem viele hundert bis einige Tausend davon, bei einer DO nur einige Lautsprechermembrane. Eine DO wird nie die Klangfülle (nicht Lautstärke) einer PO erreichen. Sie wird immer ein Substitut bleiben. Die Frage ist nur: Muss es denn immer das Original sein? Hängen in Ihrem Wohnzimmer nicht auch Reproduktionen berühmter Gemälde? Auch wenn es nur Abbildungen sind, können Sie sich doch sicher daran erfreuen.

Eine DO ist daher wie ein Foto. Sie bildet eine PO ab. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie eine echte Orgel klingt. Man kann sich lange mit diesem Bild begnügen. Und irgendwann wird man das Bedürfnis verspüren, im übertragenen Sinn selbst dorthin zu fahren.

In Kirchen ist das anders: Dort würde man auch nicht eine Michelangelo-Pieta-Kopie aufstellen, sondern einen Künstler mit der Herstellung eines persönlichen Werkes beauftragen. So halte ich elektronische Orgeln in Kirchen nur für eine Notlösung. Angebracht allenfalls in wenig genutzten Räumen: „Erheben“ kann der Klang einer DO nicht. Je größer die Lautstärke, desto mehr spürt man das Manko: Es wird eben einfach nur lauter, so als hätte man am Lautstärkeregler gedreht, die Musik wird keinesfalls „mächtiger“, „majestätischer“, geschweige denn „beeindruckender“.

Das Argument der Haltbarkeit: „Die Orgel überdauert Jahrhunderte“ war ein beliebter Werbespruch deutscher Orgelbauer. Dabei sind es nur wenige Ausnahmeinstrumente, die dieses Prädikat für sich beanspruchen können. Und meist haben selbst diese Instrumente mehrere Umbauten hinter sich. Die meisten Instrumente werden nach wenigen Jahrzehnten ausgetauscht und abgewrackt. Instrumente, die zwischen den Kriegen gebaut wurden, gibt es kaum noch. Instrumente, die nach dem 2. Weltkrieg hergestellt wurden, wurden in der Regel schon 40 Jahre später als materiell minderwertig abgebaut, die Orgeln der 60er und 70er Jahre sind momentan an der Reihe, ersetzt zu werden. Meist wird ihnen ihre einseitig orgelbewegte Ausrichtung zum Vorwurf gemacht. Ich will diese Praxis nicht verurteilen, Orgelbauer sollen ja auch leben. Wenn eine PO allerdings gut gepflegt wird, kann sie tatsächlich lange halten, denn es gibt auch nach Jahrzehnten und Jahrhunderten noch Ersatzteile, die es bei der DO dann nicht mehr geben wird.

Ich habe mir selbst vor etwa einem Jahr eine DO zum Üben angeschafft. Denn manche klanglichen Nachteile werden durch viele Vorteile aufgewogen. Und nach einem Jahr kann ich feststellen: Ich übe viel mehr als früher. Es bedarf keines „Anlaufes“, zur Kirche zu gehen, man muss nicht extra sich in den Mantel werfen, bewaffnet mit Noten, Orgelschuhen und ggf. Regenschirm, den Weg zur Kirche und auf die Empore nehmen. Das kostet alles Zeit und man überlegt sich, ob man diese wirklich aufwenden möchte. Zu Hause kann man vor dem Frühstück schon mal ein paar Töne spielen oder abends vor dem zu Bett gehen. Mittags, wenn die Nudeln kochen 10 Minuten, oder als willkommene Unterbrechung während des Schreibens eines Artikels mal schnell ein paar Stellen durchfingern.

Im Alter wird man zusehends bequemer: Dass Kirchen im Winter kalt zu sein pflegen, machte mir früher weniger aus. Heute genieße ich die wohlige Wärme des Wohnzimmers im Winter. Man kann sich die Nieren und den Ischias nicht mehr so schnell verkühlen.

Konzerte würde ich auf meiner DO nicht geben. Ich mag zwar ihren Klang, und es macht Spaß, immer mal wieder an der Intonation der Register etwas herumzufeilen: Mal ist mir der Prinzipal zu laut, mal die Schwebung zu leise, da ist das Register im Diskant zu dominant und im Mittelbereich zu mager - mit der mitgelieferten Software kann ich das am Laptop ändern. Aber für eine Art Konzert wirken diese Instrumente meist doch zu hausbacken.

Die Lautstärke ist ein wichtiges Argument für eine DO. Zunächst für Andere: Ich kann die Gesamtlautstärke so einstellen, dass man auch bei einer Tutti-Registrierung wenig mehr hört als bei einem Radio in Zimmerlautstärke. So kann ich also sogar kontrastierende Klangfarben so registrieren, dass Mitbewohner nicht ernsthaft gestört werden. Tatsächlich sind DO’s mit eingebauten Lautsprechern („Kniebeschallung“) insgesamt nicht laut: Einmal habe ich zusammen mit meiner Tochter ein Konzert für Oboe und Orgel geübt (Praktisch, dass man die Orgel genau auf 442 Hz einstimmen kann): Um gegen die Oboe zu bestehen, musste ich quasi Tutti spielen. Insgesamt tut das auch den eigenen Ohren gut: Die Gefahr eines Tinnitus bei Organisten und anderen Profi-Musikern ist bekannt. Ich kann so meine eigenen Ohren und die anderer Mithörer schützen. Wenn ich es mal wirklich laut haben möchte, dann nehme ich den Kopfhörer: So klingt alles ohnehin natürlicher, und die Nachbarn werden noch weniger gestört.

Eine DO hat noch manch andere Spielereien: Bei meiner kann ich auch historische Stimmungen einstellen (nutze ich ehrlich gesagt weniger) oder Länge und Intensität des Nachhalls. Bei Bach natürlich weniger bis trocken, bei französischer Romantik können es gerne 6 Sekunden sein.

Ale echter PO-Fan werden Sie mir nun die klassische Hausorgel entgegenhalten. Sie kostet nicht viel, vor allem, wenn man die derzeit häufig anzutreffenden gebrauchten Instrumente prüft. Man hat echten Klang, den man auch Zuhörern zumuten kann, ein möglicherweise richtig schönes Möbelstück und eine Geldanlage. Letzteres möchte ich allerdings schon wieder in Frage stellen: Die Preise für gebrauchte Pfeifenorgeln sind derzeit im Keller, was für den potentiellen Käufer wieder einen Anreiz darstellt. Doch wenn Sie in einer Wohnung oder einer Doppelhaushälfte leben, dann können Sie oft eben nur mit dem Gedackt 8’ blubbern. Kurzfristig können Sie es wagen, die Rohrflöte 4’ hinzuzuziehen. Das besonders aparte und meist kläglich verstimmte Rankett 16’ (eingebaut anstelle eines Subbasses, der sowohl die Raummaße als auch den Geldbeutel gesprengt hätte) im Pedal könnte die Toleranzschwelle Ihrer Mitbewohner jedoch schon wieder arg strapazieren.

Nein, da ziehe ich meine kleine Gummipuppe vor. Sie ist zwar nicht echt. Aber ich bekomme einen schönen und klar durchhörbaren exakten Klang, der mir zum Einüben der Orgelliteratur, die ich später auf richtigen Orgeln zum Besten geben möchte, völlig ausreicht. Auch Piloten trainieren im Simulator. Zum Glück! Sonst hätten wir heute immer noch dröhnende Düsenjäger über unseren Dörfern. Und sicher gibt es auch einige Betschwestern, die ähnliche Dankgebete zum Himmel schicken, seit ich nicht mehr ein und dieselbe Stelle zum X-ten Mal in der Kirche wiederhole.

Ein Nachteil lässt sich nur unbefriedigend und mit hohem finanziellen Aufwand ausgleichen: Die mechanische Traktur einer PO ist nach wie vor unersetzlich, insbesondere, wenn es um das Erlernen des Orgelspiels geht. Für Anfänger halte ich das Üben auf einer mechanischen Orgel für besonders wertvoll. Hier bin ich doch sehr skeptisch, was den Einsatz einer DO betrifft.

Sollten Sie sich nun auch überlegen, eine DO anzuschaffen, gibt es einiges zu bedenken:

1. Hersteller: Das ist wie bei Autos. Es gibt viele Marken, brauchbar sind sie alle. Aber Premium-Produkte (z.B. Allen und Rodgers) sind etwas teurer. Die anderen sind wie VW und Opel: Alle gut, aber eben nicht edel. Für das gleiche Geld können Sie eine zweimanualige Allen oder eine dreimanualige Viscount, Johannus, Content, Ahlborn oder Kisselbach erhalten. Viele Teile sind ohnehin in Fernost hergestellt. Und auch das ist wie beim Autokauf: Die Zusatzausstattung kann den Listenpreis ganz schön in die Höhe treiben. Brauchbare zweimanualige Instrumente findet man schon ab etwa 4.000 Euro, wenn man keine Extras dazu bucht.

2. Sinnvolle Extras: Auf alle Fälle Holzklaviaturen (ab etwa 500 bis 2000 Euro pro Klaviatur mit guter Druckpunktimitation). Viele Kunstoffauflagen (es gibt neue Versuche, diese zu verbessern) fühlen sich schnell unangenehm an und saugen Schweiß nur schlecht auf.

3. Achten Sie auf die Pedalklaviatur: Sind es mindestens 30 Töne? Sind die Pedale lang genug? Ist das Pedal doppelt geschweift parallel wie bei Ihrer Kirchenorgel? Achten Sie darauf, dass es nicht auch noch radial ist (wie bei englischen, italienischen und amerikanischen Orgeln üblich), es sei denn, Sie möchten genau dieses, um auch auf amerikanischen Orgeln spielen zu können.

4. Achten Sie auf den Tastendruck: Früher hatten DO’s einen viel zu leichten Tastendruck (40 – 60 g). Fordern Sie mindestens 70, besser 80 Gramm bzw. einstellbaren Tastendruck.

5. Achten Sie auf den Tastengang. Er sollte 10 mm nicht unterschreiten. Manche keyboards haben einen viel kleineren.

6. Wenn Sie die DO zu Hause aufstellen, legen Sie einen Teppich unter oder/und eine Trittschalldämpfungsauflage. Ihre „Untermieter“ und Mitbewohner werden es Ihnen danken. Sonst gäbe es bei jedem Pedalton einen Schlag gegen den Boden.

7. Wenn neben Ihnen auch noch andere Personen auf der Orgel spielen, ist eine höhenverstellbare Orgelbank sinnvoll.

September 2009, Gabriel Dessauer

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E-Mail und Internet für Kirchenmusiker

Viele Zeitgenossen befinden sich in der irrigen Annahme, das Leben eines Kirchenmusik Treibenden bestünde aus Orgel Spielen und vielleicht Chor leiten. Als nicht direkt mit der Materie Befasster kann man sich kaum vorstellen, dass das Leben für die Kirchenmusik zu mindestens 80% aus Kommunikation besteht. Als Kirchenmusiker ist man froh, wenn man mal vom Schreibtisch wegkommt, um Musik zu machen. Sie macht zeitlich nur den kleinsten Teil unseres Berufs aus.

Programme schreiben, Noten suchen, Termine festlegen, Finanzen organisieren, Pressearbeit und vor allem: Telefonieren. So sah das Leben eines Kirchenmusikers noch bis Mitte der Neunziger Jahre aus. Das Telefon beherrschte den Werktag. Ich behaupte, dass seitdem mein linkes Ohr näher am Kopf anliegt als das rechte.

Ich gebe zu, dass ich dem Telefon kritisch gegenüber stehe. Es ist die Unhöflichkeit an sich. Noch heute ist es häufig so: Wenn Sie mit irgendeinem Menschen reden, und es klingelt das Telefon bzw. Handy, dann geht Ihr Gegenüber ran und lässt Sie stehen bzw. sitzen. Das ist einfach unhöflich (vor allem im Restaurant oder im Zug). Es hat sich nie durchgesetzt, dass der persönliche Kontakt natürlich Vorrang vor einem ankommenden Anruf hat. Trotz Anrufbeantworter (neudeutsch „Mailbox“) und Displays, in denen man sehen kann, wer anruft und sich dann entscheiden kann, ob man rangeht. Wenn ich Jemanden privat anrufe, frage ich natürlich zuerst, ob es gerade passt, oder ob ich störe.

Das Telefon hat einen zweiten Nachteil, der bei Sprachforschern Ende des letzten Jahrhunderts schon zu der Feststellung führte, wir seien auf dem Weg von der schriftlichen Gesellschaft in eine mündliche. Private Korrespondenz per Post, womöglich von Hand geschrieben, ist praktisch völlig ausgestorben.

E-Mail

Die E-Mail hat diese Entwicklung gestoppt. Wichtige Dinge können in Sekundenschnelle klar und schriftlich geregelt werden. Missverständnisse sind dadurch selten geworden. Wenn ich z.B. geschrieben habe „Wir treffen uns dann und dort“, dann ist das klar, kann vom Empfänger nicht missverstanden werden und beide Seiten haben die Möglichkeit, nachzulesen, was ausgemacht worden ist.

In erster Linie erleichtert E-Mail den Kontakt zu Chormitgliedern. In den von mir geleiteten Chören geschieht die Kommunikation mit den aktiven Mitgliedern seit Jahren ausschließlich per Mail. Zum Glück kann man heute davon ausgehen, dass fast jeder vernünftige Erwachsene eine eigene Mailadresse hat oder zumindest jemanden kennt, der für ihn Mails abholen kann. Chorpläne werden bei uns nicht mehr postalisch verschickt. Bei den Chorproben liegen aber sicherheitshalber immer einige Exemplare ausgedruckt vor. Bei kurzfristigen Änderungen ist die E-Mail ideal, um alle Mitglieder in kürzester Zeit zu erreichen.

Gefahr: Verfallen Sie nicht der Versuchung, bei jedem kleinen Anlass eine „Rundmail“ an Ihre Chormitglieder zu verschicken. Wir werden von vielen Seiten mit allen möglichen Angeboten (von unseriösen wie Brust- oder Penisvergrößerungen bis zu seriösen Einladungen) zugemüllt. Sammeln Sie am besten wichtige Infos, bis es sich lohnt, eine Mail zu senden. Ihre Chormitglieder sollen das Gefühl haben, dass eine Mail von Ihnen tatsächlich lesenswert ist. Nerven Sie Ihre Chormitglieder nicht!

Noch ein Achtung: Um den Endverbraucher vor Spam (=“Müll“) zu schützen, gibt es viele Spamfilter. Da genügt es schon, wenn eine Mail an viele Adressaten geht, dass ein Schutzprogramm sie als Spam definieren könnte. Halten Sie also Ihre Verteiler eher klein.

Bis zu einem gewissen Grad können Sie Ihren Chorverteiler auch zu Werbezwecken verwenden. Formulieren Sie z.B. für Ihr nächstes Chorkonzert eine schöne Einladung, mailen Sie die an Ihre Chormitglieder und bitten Sie sie, dass sie die Einladung an ihren eigenen Freundeskreis weiterleiten. In Maßen eingesetzt ist eine solche Werbemöglichkeit wirksam.

Übrigens: Eine Mail sollte natürlich auch eine Anrede und eine Unterschrift haben. Und sie sollte nicht schlampig geschrieben sein, sondern in der Form und Ausdruck den Respekt vor dem Gegenüber widerspiegeln. Nur weil etwas schnell geht, sollte man nicht seine Kindererziehung vergessen (es sei denn, es geht nur um eine kurze Bestätigung).

Nun zur Hauptgefahr der schriftlichen Kommunikation. Dieser Teil betrifft nun nicht nur E-Mail, sondern insbesondere auch Diskussionsforen im Internet. Es gibt im Internet höchst informative, interessante Diskussionsforen, sogenannte „groups“, in denen sich Gleichgesinnte austauschen können. Manchmal werden sie auch „Forum“ genannt. Dort ist ein erschreckendes Phänomen zu beobachten: Diese Foren arten häufig in persönliche Beleidigungen und gegenseitige Angriffe aus.

Wir haben verlernt, dass eine schriftliche Kommunikation grundsätzlich anders geartet ist als eine mündliche. Man sieht das Gegenüber nicht, hört nicht den Klang der Stimme, sieht weder Mimik noch Gestik. Und häufig passiert dann, dass das Gegenüber eine Bemerkung, die vielleicht augenzwinkernd gemeint war, falsch versteht und ernst nimmt. So können völlig unnötig Eskalationen eines Streites entstehen. Wenn die emotionale Grundstimmung des Lesers negativer oder misstrauischer ist als die des Schreibers, sind Missverständnisse vorprogrammiert.

In Briefen sollte man immer höflich bleiben, sich bewusst sein, dass das geschriebene Wort sehr viel stärkere Interpretationen zulässt als das gesprochene, schon allein durch die Möglichkeit es häufiger zu lesen. Die Urväter des Internet haben diese Gefahr frühzeitig erkannt und sogenannte „Emoticons“, auch Smileys genannt, entwickelt. Diese Smileys sind tatsächlich höchst sinnvoll als Präventivmaßnahme gegen Eskalation. Daher: Nutzen Sie, wenn Sie glauben, man könnte evtl. Ihre kritische Anmerkung als Verletzung empfinden das Smiley. Es hilft tatsächlich. Die bekanntesten Smileys sind: :) für *lächelnd* oder ;) für *augenzwinkernd*. Bisweilen können Sie auch gleich Ihre Grundstimmung verbalisieren, jeweils mit Sternchen vorher und nachher, z.B. „*grins*, *fiesgrins*, *traurig*, *müde*, *gelangweilt*. Sie sind selbst verantwortlich für den erfolgreichen schriftlichen Austausch.

Wenn es doch mal zu einem Streit gekommen ist, wechseln Sie das Medium: Treffen Sie sich mit dem Anderen oder greifen Sie notfalls zum Telefon. Hier hat es nach wie vor seine Berechtigung. Die krasseste Form eines Fehlgriffes dürfte es sein, mit der Freundin per sms Schluss zu machen.

Internet

Auch hier hat ein bemerkenswerter Wechsel stattgefunden: Informationen zu erhalten ist nicht mehr das Problem. Im Gegenteil: Wir müssen uns vor der Informations- und Angebotsflut schützen. Die gleichzeitig mit dem Wachsen des Internets einsetzende Globalisierung unserer Welt hat sie noch merklich zusammenschmelzen lassen. War es bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein Kunststück, Noten aus Kanada, Orgelmusik aus der Ukraine oder Menschen aus Südafrika kennen zu lernen, so ist heute schriftlicher Kontakt in Sekundenschnelle nach überallhin hergestellt, eingeschränkt nur noch durch die Tageszeitenunterschiede und die Laufzeiten von Paketen. Wissenschaftliche Kommunikation kann durch Mail ohne Verzögerung geschehen, die Vernetzung der Welt bringt uns erhebliche Vorteile. Und wir können von Glück reden, dass sich als Weltsprache Englisch zu etablieren scheint. Rein statistisch hätte es auch chinesisch werden können… Daher: Bitte nicht klagen über zu viele Anglizismen in der deutschen Sprache ;)

Hat man erst mal das Internet entdeckt, kann es tatsächlich süchtig machen. Vom eigenen Schreibtisch aus alles zu erledigen, ist einfach bequem: Warum zum Buchhändler laufen, wenn ich bei Amazon das Buch zum gleichen Preis innerhalb von Sekunden bestellen kann. Warum zum Reisebüro gehen, wenn ich die gleiche Reise auch im Internet bestellen kann und dabei bei Holidaycheck auch noch wirklichkeitsnahe Besprechungen anderer User (Nutzer) finden kann? Da wird sich wohl noch einiges im Einzelhandel umstellen.

Der Mensch ist auch ein Spielkind. Der „homo ludens“ ist durchaus nicht zu verachten, das gehört zum Menschen dazu. Online Poker-Spiele sind etwas Originelles. Und auch wenn mein Sohn an seiner Playstation Autorennen gegen Mitspieler aus der ganzen Welt spielt, mit denen er über Internet-Leitung verbunden ist, und die teilweise sogar in ihr Mikro reden, dann finde ich das einfach nur erstaunlich. Bisweilen wird vor der Gefahr gewarnt, vor dem Internet vereinsame man. Das halte ich für im Normalfall nicht für zutreffend, es scheint mir doch eher charakterabhängig bzw. eine Frage der Erziehung zu sein. Wer vor dem Internet vereinsamt, wäre ohne das Internet vielleicht vor einem Computerspiel, in der Spielhölle, vor dem Fernseher oder in der Kneipe vereinsamt.

Noten aus dem Internet

Ein kniffliges Thema. Die Verlage sehen es naturgemäß nicht gerne, dass man sich teilweise völlig in Übereinstimmung mit den Gesetzen Noten aus dem Internet herunterladen darf. Es dürfen nur keine geschützten Ausgaben sein und die Komponisten müssen schon vor mehr als 70 Jahren das Zeitliche gesegnet haben.

Wenn also eine Ausgabe in „Public Domain“ (=gemeinfrei) erhältlich ist, kann man als praktizierender Kirchenmusiker viel Geld sparen. Nehmen wir an, Sie möchten eine Motette, sagen wir „Locus iste“ von Bruckner aufführen: Gehen Sie zu www.cpdl.org und schauen Sie, ob jemand (meist sind es Kollegen aus aller Welt) dieses Werk neu geschrieben und dann als Pdf-Datei eingestellt hat. Wenn das der Fall ist (das ist beim vorgenanntem Werk auch so), können Sie das Werk ausdrucken und völlig legal kopieren, so oft Sie es benötigen. Das Copyright hat der Schreiber nämlich an CPDL übertragen. Bei CPDL (= Choral public domain library) gibt es eine Unmenge und noch immer stetig wachsende Anzahl der wichtigsten klassischen Chorliteratur. Die Werke sind nicht immer so schön gesetzt wie bei einem professionellen Verlag, aber zum Singen langt es allemal.

Zum Kopieren einige Tipps: Normales Kopierpapier ist mit echtem Notenpapier nicht vergleichbar. Der Weißgrad ist zu hell, dadurch der Kontrast oft sehr scharf. Suchen Sie etwas weniger weißes Papier, Ihr Chor wird es Ihnen danken. Und vor allem: Suchen Sie schwereres, dichteres Papier: Das normale, etwas labberige 80g/qm Papier hält doch nicht sehr lange. 100g/qm oder 120g/qm sind zwar teurer aber auch stabiler und länger haltbar. Apropos Haltbarkeit: Soll das Papier länger als ein paar Jahrzehnte verwendet werden, kaufen Sie alterungsbeständiges, säurefreies Papier und verwenden Sie nur Laserdrucker, keinen Tintenstrahler. Die Farbe verblasst schnell.

Einen anderen, effektiven Weg, um Copyright-Probleme zu umgehen, geht www.cdsheetmusic.com. Hier werden Klavierauszüge älterer Ausgaben (die nicht mehr im Handel sein dürfen) gescannt und mit eigenem Copyright versehen. Diese Noten sind nicht zum Herunterladen, dort kaufen Sie eine CD. Sämtliche wichtigen Werke der Oratorienliteratur gibt es dort als Klavierauszüge in älteren Ausgaben. Z.B. alle Bach-Kantaten auf 2 CD-ROM. Sehr praktisch, wenn Sie mal eine bestimmte Arie suchen oder einen bestimmten Chorsatz. Aber auch wenn Sie z.B. Klavierauszüge für Ihre Chormitglieder suchen. Nach dem Kopieren bleibt Ihnen nur die Arbeit des Bindens. Spiralbindegeräte sind heute auch nicht mehr teuer und sie bleiben besser geöffnet als feste Bindungen. Es gibt auch 3 CD-ROM mit Orgelmusik (Barock, Bach, Französische Romantik) und viele andere Gattungen, nicht auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand, dafür ungemein preisgünstig. Doch Achtung: Teilweise unterscheidet sich amerikanisches Recht von deutschem: Die Dupré-Werke dürfen Sie nicht ausdrucken, da Dupré noch keine 70 Jahre tot ist (in den USA gilt der Zeitpunkt der Entstehung der Komposition).

Mit Vorsicht zu verwenden sind die Noten von www.imslp.org. Dort finden sich auch neuere Ausgaben, was möglicherweise Konflikte mit dem Gesetz hervorrufen kann. Doch hat der Betreiber der Seite gegen die Unterlassungsklage eines österreichischen Verlages gewonnen. Achten Sie grundsätzlich darauf, dass die herunterzuladende Ausgabe (auch das Herunterladen an sich kann strafbar sein) nicht mehr im Handel erhältlich ist, sonst ist das Druckbild geschützt. Auch darf die Ausgabe keine Bearbeitung neueren Datums sein, auch Urtextausgaben sind geschützt. Wenn also eine neuere Ausgabe nur eingescannt ist, kann das schon strafbar sein. Aber: Neuere Ausgaben müssen nicht zwingend besser sein als alte .

Es gibt inzwischen schon Komponisten, die ihre Werke direkt ins Netz stellen. Durch die Seite www.orgelforum.de wurde ich auf die Toccata eines norwegischen Kirchenmusikstudenten aufmerksam: Jon Kristian Fjellestad hat sein op.1 direkt als pdf-Datei zum kostenlosen Herunterladen ins Netz gestellt. Ein interessantes Werk! Hört sich an wie Boellmann, der in Norwegen einen Harry Potter-Film gesehen hat. Eine neue Form der Vermarktung.

Einen etwas professionelleren Weg geht Daniel Gawthrop, ein amerikanischer Komponist. Auf seiner Website findet sich seine Vita und sein Werkverzeichnis. Klickt man auf ein Werk, kann man es als mp3-Datei herunterladen und sich anhören. Oft kann man sogar die Noten auf dem Bildschirm ansehen, allerdings nicht legal ausdrucken.

Ein Wort zu mp3-Dateien: Wir haben in unserem Chor einen echten Spezialisten! Konzerte werden mit dem mp3-Recorder aufgenommen (Zoom H2, kostet 200 Euro, hat die Größe einer besseren Zigarettenschachtel und nimmt in CD-Qualität direkt auf eine SD-Speicherkarte auf), Dieser Bassist stellt die Dateien auf seiner eigenen Website ins Netz und Stunden später kann man die Aufnahme des Konzertes sich auf der ganzen Erde anhören, jedenfalls, wenn ich die Aufnahme freigebe.

„Youtube“ wird auch mehr und mehr zur wichtigen Informationsquelle: Jeder Chor, der etwas auf sich hält, hat inzwischen eine Aufnahme eines gesungenen Werkes ins Netz gestellt. Geben Sie bei www.youtube.de einfach den Titel eines Werkes ein: Meistens wird man fündig und erhält eine in der optischen wie akustischen Qualität vielleicht nicht berauschenden Wiedergabe, aber meist genügt es, um sich ein Bild vom Werk zu machen.

Zum Schluss muss natürlich auf die Gefahren des Internets hingewiesen werden. Zu den eher persönlichen Risiken wie Sucht und Vereinsamung gesellen sich handfeste Gefahren, derer man sich bewusst sein sollte.

Wir Menschen sind nicht von Natur aus vor Versuchungen gefeit. Das wissen auch eher unseriöse Anbieter und versuchen gerade da, wo sich viele Menschen aufhalten, ihre Produkte an den Mann zu bringen. Wenn Sie in Hamburg sind, und sich in Richtung Reeperbahn bewegen, dann dürfen Sie sich dort auch nicht über verlockende Angebote beklagen! Diese Angebote schaffen es immer wieder, in die Nähe seriöser Seiten zu gelangen, was ja auch ihr Ziel ist. Man muss eben wissen, dass es diese Angebote gibt. Wie man damit umgeht, ist im Endeffekt Sache jedes Einzelnen.

Nun gibt es den Fall jenes unglückseligen Domkapellmeisters, auf dessen Dienstcomputer sich Unmengen pornografischen Materials fand. Dass er selbst den Computer zur Inspektion weggab und sich herausstellte, dass genau wegen dieser Bilder der Computer langsam lief, ist Pech und Unklugheit in einem. Dass der Dienstgeber damit nicht einverstanden ist, ist ihm nicht zu verübeln, insbesondere, wenn es sich um die Kirche handelt, aber auch bei anderen Dienstgebern bliebe ein solches Verhalten sicher nicht ohne Folgen.

Wenn Sie eine unsichere Seite anklicken, dann sollten Sie wissen, dass Informationen über Sie gespeichert werden! Ihr Computer hat eine Identifikation, die zu Ihnen zurückführen kann. Seien Sie besonders vorsichtig, wenn Sie etwas herunterladen. Ist es wirklich vertrauenswürdig?

Bei E-Mails ist die Gefahr besonders groß, sich einen Virus, Trojaner oder Wurm einzuhandeln. Sie sollten also unbedingt mit Virenscanner und Spamfilter Ihres Anbieters arbeiten. Manchmal frage ich mich aber auch, ob es nicht Viren gibt, die nur von den Antivirenpogrammen sozusagen als Lebensberechtigung ihrer selbst in die Welt gesetzt werden. Denn diese Programme sind inzwischen auch ein beachtlicher Wirtschaftszweig geworden. Und wenn Sie seltsame Mails in Ihrem Posteingang finden, löschen Sie sie gleich, am besten noch auf dem Server. Auch wenn eine persönliche Anrede dabei ist: Seien Sie misstrauisch! Die Anbieter werden immer geschickter. Prüfen Sie eine eingehende Mail nach allen Kriterien: Absender (kann gefälscht sein), Betreff (ist es wirklich persönlich?) und Größe (seien Sie misstrauisch ab 10KB).

Nett sind auch „hoax“ (Viren und Viruswarnungen, die keine Viren sind)-mails. Uralt ist die Mail mit dem Kind, das nur noch wenige Monate zu leben hat, und das sich sehnlichst wünscht, dass seine Mail um die Welt geht. Informationen finden Sie in der lesenswerten Website der TU Berlin: http://www2.tu-berlin.de/www/software/hoax.shtml. Da finden sich alle Geschichten. Auch die „Urban legends“. Die machen besonders Spaß. Von Warnungen vor Terroranschlägen wird da berichtet bis zur glaubhaften Erläuterung, die Stadt Bielefeld gäbe es nicht, da niemand jemanden aus Bielefeld kenne, die Stadt bei Google Earth nicht verzeichnet sei (was anfangs wohl wirklich so war), und zwar jeder schon mal auf der Autobahn an Bielefeld vorbeigefahren sei, niemand aber jemals die Stadt wirklich gesehen hätte.

Und natürlich Kettenbriefe, die als E-Mail gerade eine Wiedergeburt feiern. Nicht weniger ärgerlich finde ich die neuen Bürospielchen: pps-Dateien mit weisen Sprüchen, lieblichen Katzenfotos oder anderen Freundlichkeiten, die am Schluss den Hinweis tragen: „Wenn Dir das gefallen hat, schicke mich an Deine Freunde weiter“! Moderne Varianten von Arbeitszeitvernichtung!

Zusammenfassung: Internet und E-Mail sind große Hilfen bei der Arbeit als Kirchenmusiker, so lange man nicht blind auf jedes Angebot eingeht.

Gabriel Dessauer

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